Kopatchinskaja und das LPO in München

Janusköpfigkeit

Mit Patricia Kopatchinskaja und dem London Philharmonic Orchestra unter Alain Altinoglu wird Schumanns Violinkonzert in München zum Ereignis

Von Klaus Kalchschmid

(München, 15. November 2017) Robert Schumanns spätes Violinkonzert d-moll wurde erst 1937 – fehlerhaft – gedruckt und dann verstümmelt aufgeführt, und das vor allem, weil es vermeintlich Züge seiner baldigen geistigen Umnachtung trägt. Heute gibt es zahlreiche exzellente Einspielungen des großartigen Werks, das als missing link zwischen den Konzerten von Beethoven und Brahms gilt. Zuletzt erschienen bei ECM gleichermaßen empfehlenswerte Versionen von Carolin Widmann und Thomas Zehetmair.

Auch Patricia Kopatchinskaja hat Schumanns Violinkonzert bereits eingespielt. Und jetzt gelingt ihr live das Außerordentliche, denn sie vermeidet an der Seite des London Philharmonic Orchestra unter Alain Altinoglu in der Philharmonie alle Brillanz eines Virtuosenstücks, das dieses vielschichtige d-moll-Konzert nicht ist; sie verwendet oft nur sparsam Vibrato, wagt immer wieder harsche Töne, vermag aber auch traumhaft ausdrucksvoll zu singen, so im lyrischen zweiten Thema des Kopfsatzes, das mehrfach erscheint. Kopatchinskaja gibt dem Thema der späteren „Geistervariationen“ im langsamen Satz eine mysteriöse Aura und spielt das Finale mit der stolzen, aber auch gefährdeten Gemessenheit einer Polonaise. Sie riskiert schon mal ein Beinahe-Verdämmern der Musik und macht so die Janusköpfigkeit dieses letzten großen Werks von Robert Schumann zum Ereignis, an dem das exzellente und wachsam der Solistin folgende London Philharmonic Orchestra und Altinoglu keinen geringen Anteil haben. Das unheimliche zweite Capriccio für Violine solo von Salvatore Sciarrino, hier mit ein paar kaum hörbaren versprengten Echos von Trompete, Pauke, Geige oder Bratsche schraffiert, war danach die einzig mögliche und damit goldrichtige Zugabe.

Nach Maurice Ravels elegant gespielter Suite „Le Tombeau de Couperin“ zu Beginn folgte am Ende Ludwig van Beethovens „Eroica“. Vor allem in den Ecksätzen bewiesen Orchester und Dirigent, dass auch bei großer Besetzung Prägnanz des Klangs und Lebendigkeit der Phrasierung, scharfe Akzente und flüssige Tempi eine überzeugende „Klangrede“ erzielen können. Allenfalls manche Steigerungen, etwa im Trauermarsch, fielen in ihrer majestätischen Ballung des Klangs doch zu gewaltig aus. Aber die feinen Momente überwogen und ein bei aller Detailgenauigkeit große Bögen wölbender Gestaltungswille machte etwa die Strukturen des Kopfsatz nicht nur hörbar, sondern geradezu sinnlich greif- und erlebbar.

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