KammerMusik, Köln

Kammermusikkollektiv

Tom Owen, José Maria Blumenschein, Adam Newman und Oren Shevlin. Die Oboenquartett-Besetzung im ersten KammerMusik-Konzert für Köln © Susanne Lührig

KammerMusik für Köln – Musiker vom Kölner Gürzenichorchester und WDR Sinfonieorchester Köln starten unter diesem Titel eine neue Konzertserie im Belgischen Haus
(Köln, 27. Oktober 2012) Der Titel ist ehrgeizig, fast schon provokativ: Kammermusik für Köln! Als gäbe es in Köln nicht schon ausreichend Kammermusikangebote! Parallel an diesem Abend findet ein Alte Musik-Konzert im WDR Funkhaus statt. Tags darauf ein Kammermusikabend im Alten Pfandhaus und in der Kölner Philharmonie, wo es natürlich auch eine Kammermusikserie gibt. Der Deutschlandfunk lädt regelmäßig zu Kammerkonzerten ein. Und auch die Musikhochschule hat im letzten Jahr unter dem Titel "Spitzentöne" eine Reihe organisiert, die im kammermusikähnlichen VHS-Forum im Rautenstrauch-Joest-Museum direkt gegenüber statt gefunden hat.
Etwas Provokantes hat in Köln aber eine Kammermusikinitiative grundsätzlich. Denn schließlich ist die viertgrößte Stadt Deutschlands seit Jahrzehnten nicht in der Lage, den Kölnern einen Kammermusiksaal nach heutigem Standard anzubieten. Zuletzt wurde die Chance eines neuen Kammermusiksaals beim Neubau des Rautenstrauch-Joest Museums verpasst. Es existiert übrigens eine Entwurfsstudie für einen in diesen Komplex zu integrierenden Kammermusiksaal aus dem Jahr 2004 (Kammermusiksaal im Kulturzentrum am Neumarkt), der leider nicht ausgeführt wurde!
Doch das alles erklärt nicht, warum sich die vier Vollblutmusiker aus den beiden Kölner Orchestern, dem Gürzenichorchester und dem WDR Sinfonieorchester für die neue Initiative zusammengetan haben. Eigene Freiräume zu entdecken sei das Ziel, so Tom Owen, Solooboist vom Gürzenichorchester Köln. Es sei toll, eigene Programme zu gestalten! Wunschstücke zu spielen, wie das Oboenquartett von Wolfgang Amadeus Mozart oder das erste Trio von Johannes Brahms, das sich José Maria Blumenschein, Konzertmeister vom WDR Sinfonieorchester Köln, gewünscht hat. Und natürlich kennen sich die in Köln heimisch gewordenen Musiker schon lange. Der Tiroler Robert Oberaigner, Soloklarinettist, und die Slowenin Alja Velkaverh, Soloflötistin, beide aus dem Gürnezichorchester, gehören auch zum harten Kern. Bevor die künstlerischen Vorstellungen jetzt realisiert werden, wurde viel diskutiert. Gemeinsam wurden Partituren gelesen oder CDs angehört. Und man habe schon viel Spaß gehabt, ob in der Kneipe oder im Probenraum. Weitere Profimusiker aus Köln, von der Kölner Musikhochschule beispielsweise, wurden mit ins Boot geholt.
17 Musiker sind es insgesamt, damit die gewonnenen Programmideen umgesetzt werden können. Bekanntes soll mit Unbekanntem gemischt werden. In dieser Saison wird ein völlig unbekanntes aber charmantes Duo für Oboe und Fagott von Heitor Villa-Lobos kombiniert mit Astor Piazollas "Vier Jahreszeiten" im Klaviertrioarrangement. Um Werbung zu machen, waren sich die gestandenen Musiker übrigens auch nicht zu schade, 1700 Flyer vor der Kölner Philharmonie zu verteilen. Auch darauf wollte das Kammermusikkollektiv nicht verzichten, auf den Lernprozess, wie man Konzerte organisiert! Das Durchschnittsalter vieler der Musiker ist um die 30 oder sogar jünger, meint Tom Owen. Da sei so etwas noch drin. So begrüßte Robert Oberaigner das Publikum zum ersten Konzert der Reihe sitzend am Tisch als Ticketverkäufer!
Der Veranstaltungsort, das Belgische Haus, hat in Köln schon Konzertgeschichte geschrieben. Im holzvertäfelten Clubsaal der belgischen Armeeoffiziere mit der kleinen Bühnen vorne, fanden bereits in den 1960er Jahren hochkarätige Kammermusikkonzerte statt. Hier haben die Kuijken-Brüder ihre ersten Konzerte gespielt und die Alte Musikbewegung in Köln voran gebracht. Was in diesem Auftaktkonzert der neuen KammerMusik-Serie rund 100 Zuhörer sofort überzeugte: die Lockerheit und Selbstverständlichkeit, mit der hier Musik "detaillistisch" genau auf höchstem Niveau geboten wurde. Der wenig inspirierende Konzerttitel "Auf den Spuren der Wiener Klassik" bekam mit den in drei verschiedenen Formationen auftretenden Musikern sozusagen Flügel. Und der musikalische Höhepunkt des Abends war natürlich Johannes Brahms‘ Klaviertrio in H-Dur, das nicht in Wien, sondern in Hannover aufs Papier kam und musikalisch natürlich klar in die Romantik verweist. Der erst 20jährige Brahms signierte die Urfassung mit "Kreisler jun.", eine Reverenz an die fiktive Romanfigur des Kapellmeisters Kreisler von E.T.A. Hoffmann.
Den Auftakt machte Wolfgang Amadeus Mozarts Oboenquartett KV 370. Reich an – im wahrsten Sinne des Wortes – atemberaubenden Koloraturen für die Oboe, die Tom Owen, vor allem im letzten Satz, bravourös herausbrachte, auch die Spitzentönen, die manchmal allerdings auch wirklich "spitz" klangen. Gestützt wurde sein Part von einem Streichtrio, drei nicht nur begleitenden Streichern, die dem Bläserkollegen aber in jedem Moment eine völlig homogene Basis bereiteten.
Der Bratscher Adam Newman übernahm auch in Ludwig van Beethovens Serenade in D-Dur op. 25 einen wichtigen Part, stürzte sich zusammen mit der Flötistin Alja Velkaverh und der Geigerin Juta Öunapuu aber erst in signalartige Unisono-Dreiklangsbrechungen, um danach immer wieder die Flöte oder die Violine mit kleinen Gesten aufzufordern. Das sechssätzige Divertimento in einer für den französischen Style classique typischen Triobesetzung – mit der tiefsten Stimme in Tenorlage -, bot eine Conversation galante im allerbesten Sinne, wobei in Variationsteilen auch mit virtuosen Passagen geglänzt wurde.
Nach dieser Unterhaltungsmusik im besten Sinne drehten dann José Maria Blumenschein und Oren Shevlin, Solocellist vom WDR Sinfonieorchester, nach der Pause richtig auf. Wunderbar der Volksliedhafte Beginn des Violoncellos gleich im ersten Satz, die geisterhaften, fast auf dem Griffbrett gestrichenen Töne in der Violine im wilden Scherzo oder der religiöse, pseudoarchaische und hymnenhafte Ton im weit gespreizten Klaviersatz des Adagios, auf den Violine und Violoncello mit Bicinienartigen Wendungen antworteten. Der im Programmheft leider vergessene Pianist Nicholas Rimmer erwies sich als kongenialer Partner, der sich auch zurücknehmen konnte. Mit seinem Part, den sich Brahms ja selbst in die Finger geschrieben hatte und dabei vielleicht auch an die von ihm so bewunderte Pianistin Clara Schumann gedacht hat, spielte er nie die anderen an die Wand – was in dieser Akustik leicht hätte passieren können. Die "himmlische Länge" des Stücks – fast 43 Minuten, und auf die hatte Brahms das Stück erst nach 34 Jahren gekürzt – verging wie im Flug. So macht Kammermusik Spaß! Bleibt zu hoffen, dass sich diese Reihe in Köln etabliert. Und dass die beteiligten Musiker auf Dauer nicht nur für die Saalmiete, Versicherungs- und Gemakosten spielen müssen.
Sabine Weber

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.