Hilary Hahn und Paavo Järvi in Köln

Klangwelt des romantischen Zeitalters

Hilary Hahn spielt Prokofjews erstes Violinkonzert mit dem Philharmonia Orchestra unter Paavo Järvi in Köln

Von Christoph Zimmermann

(Köln, 29.Januar 2019) Besonders stimmig wäre es gewesen, wenn Sergej Prokofjews erstem Violinkonzert und Sergej Rachmaninows zweiter Sinfonie ein weiteres russisches Werk vorangegangen wäre. Aber Paavo Järvi entschied sich mit seinem Philharmonia Orchestra London für Ludwig van Beethovens „Coriolan“-Ouvertüre. Doch sei diese Wahl nicht weiter kritisch angesprochen. Eher schon wäre zu monieren, dass im Programmheft die Porträts der Ausführenden – dazu gehörte weiterhin die Geigerin Hilary Hahn – alles Werbewirksame aufführen, nur nicht wirklich gravierende Details zu den Biografien. Zu verschweigen, dass die Järvis eine prominente Dirigenten-Familie bilden (neben Paavo Vater Neeme und Bruder Christjan) und das von Walter Legge gegründete Philharmonia Orchestra unter Dirigenten wie Furtwängler, Karajan und Klemperer Schallplattengeschichte schrieb, mutet schon einigermaßen ignorant an.

Dafür erfreuen immer wieder die überaus sachkundigen, wenn mitunter auch weit schweifenden Werkanalysen Peter Sarkars. Prokofjew kehrte ausgerechnet während der stalinistischen Ära in sein Vaterland zurück, wo er am gleichen Tag wie der Diktator starb. Rachmaninow dagegen blieb Exilant, der vor den Auswirkungen der Revolution 1917 in die USA geflohen war. Ein Deutschland-Aufenthalt in Dresden, wo u.a. die zweite Sinfonie entstand, fällt noch in die Zeit davor.

Die Dur-Prägung zumal des dritten Satzes (Moderato) zeigt, wie sehr Rachmaninow noch an der Klangwelt des romantischen Zeitalters festhielt. Das sollte ungeachtet aller musiksprachlichen Fortschrittlichkeit im Grunde bis zum Ende seines Lebens so bleiben. Die „Zweite“ gibt sich zudem ziemlich ekstatisch, ungehemmt. Dem wehrte Paavo Järvi bei aller dirigentischen Kontrolle nicht, ließ im Orchester breite Streicherkantilenen aufblühen und gab auch dem Pathos der Musik gebührenden Raum. Das machte Effekt und begeisterte das Publikum merklich.

Prokofjews Violinkonzert ist das Werk eines Mittzwanzigers und stark lyrisch geprägt. Dass neben dessen melodiöser Musik auch so rabiate Werke wie die „Skythische Suite“ oder das zweite Klavierkonzert entstanden, zeigt das Chamäleonhafte von Prokofjews musikalischem Naturell. Hilary Hahn realisierte ihren Part bis in ätherische Diskanthöhen hinein mit sicherer Grifftechnik und stets kernig bleibendem Ton, bewältigte die Paganini-Virtuosität des Scherzos mit stupender Souveränität. Bei der Bach-Zugabe (Adagio aus der Sonate BWV 1003) frappierte die anstrengungslose Doppelgriffigkeit. Faszinierend der lange verebbende Schlusston. Paavo Järvi bot bei Prokofjew eine adäquate, auf die Solistin sensibel reagierende Begleitung. Besondere Farben lieferte das Orchester im dritten Satz mit einem kapriziösen Fagott-Solo und harfenbegleiteten Klarinetten-Terzen.

Anders als bei Goethes „Egmont“ existiert für das Schauspiel „Coriolan“ (Autor: Heinrich von Collin) von Beethoven lediglich eine Ouvertüre. Sie beschreibt einen „großen“, aber auch ziemlich cholerischen Politiker, über dessen Herrschermoral kein eindeutiges Urteil abgegeben werden kann. Man hat ihn wohl als Imperator alten Schlages zu betrachten, gleichermaßen machtlüstern und liebesdurstig. Sein Tod, von Beethoven mit Pianoakkorden in Moll umkleidet, läßt in jedem Falle Tragik spüren. Die Interpretation Järvis hätte in einigen Details etwas schneidender ausfallen dürfen, dennoch wirkte das Flammende der Musik in jedem Moment glaubhaft.

Den „Valse triste“ von Jean Sibelius gibt der estnische Dirigent immer wieder gerne als klangraffinierte Zugabe. Auch diesmal große Faszination.

Werbung

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.