Händels Ariodante an der Wiener Staatsoper

Nicht gerüttelt, nicht geschüttelt

Perfides Intrigenspiel auf schottischem Boden. Händels „Ariodante“ mit Les Arts Florissants unter William Christie an der Wiener Staatsoper

Von Derek Weber

(Wien, 4. März 2018) Es gibt auch in der Barockszene Moden. Im Augenblick ist Georg Friedrich Händels „Ariodante“ an der Reihe, und jetzt nach den Salzburger Pfingstfestspielen an der Wiener Staatsoper – als sozusagen nobler Lückenbüßer, beschränkt auf die Zeit, in der die Wiener Philharmoniker als Hausorchester der Oper auf Tournee in der Welt unterwegs sind . Natürlich war Salzburg von der Besetzung her – mit der bärtig geschminkten Cecilia Bartoli in der Titelrolle – künstlerisch „adeliger“ aufgestellt. Allerdings steht in Wien kein Geringerer als William Christie am Pult von Les Arts Florissants, „seinem“ Ensemble, das unter ihm seit 1979 schon – wie man so schön sagt – „historisch informiert“ zu spielen wusste, als die „normale“ Musikwelt davon noch kaum einen blassen Dunst hatte.

Und wie Christie dirigiert! Nicht gerüttelt, nicht geschüttelt, sondern sanft, aber mit großer Kraft gerührt. Kein Klang für knöcherne Puristen, sondern biegsam und höchst sensibel. Christie dirigiert mit großen Bewegungen, verliert sich nicht in Details, sondern zielt aufs große Ganze. So bleibt selbst in den für eine Barockoper vielen, erstaunlich großen und langsamen Passagen die Spannung gewahrt.
„Ariodante“, das ist eine Oper auf einen Stoff aus Ariosts „Orlando furioso“ komponiert. Nach der Uraufführung im Januar 1735 sehr gefragt, wurde sie dann lange vergessen und wird erst heute wieder als Meisterwerk angesehen. Das liegt nicht zuletzt an einem Plot, der über das „normale“ Maß an Barockgeschichten hinausgeht. Ein durchtriebener Bösewicht, Polinesso, macht sich mit Hilfe einer Intrige an die schottische Königstochter Ginevra heran, die wiederum Ariodante liebt. Um sie herumzukriegen, ist ihm alles recht. Der getäuschte Ariodante glaubt sich durch Ginevras Untreue verraten, versucht, Selbstmord zu begehen. Ginevras Vater, der schottische König, verstößt die Tochter. Am Schluss aber ist Polinesso tot und die Guten kriegen einander.

Die Partitur zeigt Händel auf dem Zenith seiner Möglichkeiten. Sie enthält – für den Komponisten ungewöhnlich – originale Ballettmusiken. (Da macht es sich, nebenbei gesagt, bezahlt, dass unter Direktor Dominique Meyer das Staatsopernballett aufgewertet wurde.)
Die Inszenierung von David McVicar ist nur auf den ersten Blick ein wenig hausbacken, in Wirklichkeit aber nicht unschlau. Sie ist höchst genau in der Personenführung, spielt zwischendrin immer wieder mit höfischen Sitten/Intrigen und „Followern“, und erklimmt ihren Höhepunkt im balletthaft-pantomimisch inszenierten Albtraum Ginevras am Ende des 2. Akts.

Vokal merkte man dem Sängerensemble in der Vorstellung vom 4. März die Mühen des nasskalten Wetters an, dem/der einen mehr, dem/der anderen weniger. Hörbar wurde dies in manch angekratztem Ton, in ungeraden Koloraturläufen und vokalen Engführungen. Das fiel umso mehr ins Gewicht, als das Orchester auch an diesem Abend einen „historischen“ Charme ausstrahlte, der die ganze Aura der Musik des 18. Jahrhunderts mit Leben erfüllte.

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