Elina Garanca

Narkotische Liebesarie

Elina Garanca begeistert mit einem Arienabend in Köln
Von Christoph Zimmermann
(Köln, 21. Februar 2017) Als „Engel mit Himmelsstimme“ bezeichnete einst der greise Arturo Toscanini die junge, aufstrebende Renata Tebaldi, überwältigt von dem üppig fraulichen Timbre ihres Soprans. „Elina Garanca, Himmelskönigin“ überschrieb wiederum der Wiener „Standard“ vor kurzem einen Wiener Auftritt der lettischen Mezzosopranistin, dem Tourneeauftritte in Deutschland folgten. Köln war jetzt die vorletzte Station. Dass die Philharmonie – anders als zwei Tage zuvor bei Daniil Trifonov und Valery Gergiev – eine Reihe leerer Plätze aufwies, nahm zumal angesichts einer umfänglichen Promotion etwas wunder. Aber was den Run auf Konzert- und Theaterkassen auslöst, ist mit stimmigen Kategorien nicht immer zu erklären. Immerhin: Elina Garanca wurde wie eine Königin bejubelt.
Eine Königin des Gesanges ist sie in der Tat. Sie überschwemmt ihr Publikum förmlich mit einer Fülle vokalen Wohllauts. Das war sogleich in der narkotischen Liebesarie von Saint-Saens‘ Dalila (“Mon coeur s’ouvre à ta voix“) in aufregender Weise der Fall. Die komplette Partie wird Elina Garanca demnächst an der Pariser Oper singen, zuvor aber noch die Eboli in Verdis „Don Carlo“. Im kommenden Mai gibt es an der Met letzte Auftritte als Octavian im „Rosenkavalier“ neben der Marschallin Renée Fleming, die sich ihrerseits von der Bühne verabschiedet.
Das alles wirft ein Licht darauf, wie Elina Garanca mit ihren jungen vierzig Jahren genau abwägt, was sie (noch) kann und was sie (schon) will, wobei Herausforderung nicht Überanstrengung beinhalten soll. Wagners Kundry („Parsifal“) steht zwar beispielsweise auf ihrem Wunschzettel, doch wird diese Partie bis auf weiteres eisern gemieden. Immerhin hat sie inzwischen die Santuzza im Repertoire, eine Partie veristischen Zuschnitts. Die in Köln gesungene Arie „Voi lo sapete“ bot (auch mit andeutenden Emotionsgesten) wohldosierte Leidenschaftlichkeit, blieb aber doch im Belcantorahmen. Beide Elemente verbanden sich glückvoll auch bei Johannas Abschiedsszene aus Tschaikowskys „Jungfrau von Orléans“, wo sich elegische Tonsprache, wie sie für den Komponisten so typisch ist, mit dramatischem Impetus verbindet.
Alle genannten Titel sind auf ihrem (eigentlich wievielten?) CD-Recital „Revive“ enthalten. Das Angebot an (auch ausgesprochen raren) Arien hier ist freilich weitaus reicher als bei ihrem inhaltlich notwendigerweise limitierten Liveprogramm. Doch wurde dieses attraktiv aufgefüllt mit Instrumentalnummern, welche die als Tourneeorchester vielgefragte und bewährte Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz unter Karel Mark Chichon, dem Gatten der Sängerin,  kantilenenschön (z.B. "Melancholischer Walzer" von dem mit nur 35 Jahren gestorbenen Letten Emils Darzins) oder mit hochgepeitschem Affekt (Ponchiellis „Tanz der Stunden“) zum Besten gab. Das Vorspiel zu Donizettis „La Favourite“ war wohl ein Verweis auf eine weitere Garanca-Partie, mit welcher sie in München erfolgreich war. Bei dieser Gelegenheit wurde auch ihr intensives Bühnenspiel hervorgehoben, welches sich die Sängerin jetzt auf dem Konzertpodium aber geschmackvollerweise versagte. Ihre elegante Erscheinung war ja auch schon Blickfang genug.
Immerhin deuteten zwei rollenunterschiedliche Arien aus Cilèas „Adriana Lecouvreur“ an, dass darstellerische Herausforderungen Elina Garancas Theatertemperament entgegen kommen. Da gab es zum einen die Verzweiflungsszene der Principessa („Acerba voluttà“), zum anderen – nach der Pause – die seraphische Arie „Io son l’umile ancella“ der Titelheldin. Die finalen Aufwärts-Glissandi bot Elina Garanca nur andeutend. Dafür versagte sie sich im Finale keinen Effekt bei den drei italienischen Kanzonen. Im Zugabenteil beeindruckte am stärksten die grandiose Zarzuela-Nummer, welch auch daran erinnerte, dass Elina Garanca auf der Bühne eine flammende Carmen ist – mit naturblondem Haar.



Münchner Philharmoniker


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