Die Trojaner in Dresden

Blutspur der Helden

Lydia Steier inszeniert Berlioz‘ „Trojaner“ in der Dresdner Semperoper, John Fiore dirigiert

Von Bernd Feuchtner

(Berlin, 2. Oktober 2017) Was für eine hinreißende, farbenreiche, tiefempfundene Musik! Die Begegnung mit den „Trojanern“ von Hector Berlioz ist immer wieder ein großartiges Erlebnis, und glücklicherweise wird es heute immer öfter möglich. Jetzt hat auch die Sächsische Staatsoper dieses Hauptwerk des 19. Jahrhunderts auf die Bühne gebracht. Die Pariser Zeitgenossen haben es nicht hören wollen und Berlioz hat es der Pariser Oper nicht zugetraut. Erst Felix Mottl hat es 1890 in Karlsruhe komplett gespielt. Und auch jetzt in der Semperoper zeigt sich wieder, dass zwischen beiden Teilen ein tiefer Zusammenhang besteht, vor allem in den beiden starken Frauen, die den Troja- wie den Karthago-Teil dominieren. Jennifer Holloways Kassandra und Christa Mayers Dido waren denn auch die größten Pluspunkte der Dresdner Aufführung.

Berlioz hat eine echte Oper geschrieben, statt vom Gesamtkunstwerk zu träumen wie sein Nachfolger Richard Wagner, der von ihm gelernt hat, große Szenen zu schreiben und einen gewaltigen Bogen über den gesamten Abend zu spannen. Beide haben sich am Mythos abgearbeitet: Wagner hat gemeint, die Welt erklären zu müssen und dafür die nordischen Mythen ausgeborgt, Berlioz hat Vergils Äneis vertont, weil er deren Helden seit seiner Kindheit liebte – und war sich dessen kaum bewusst, dass dies ein Epos nach dem Ende der Mythen war, ein absichtsvoll konstruierter Gründungsmythos Roms zur Festigung der Herrschaft seines Kaisers Augustus. Berlioz mag das Kaiserreich Napoleons III. haben stützen wollen, doch dass er ihn in seinem Plüschsalon aufsuchte und dort den Text der Trojaner vortrug, hatte keinerlei Folgen. Der Kaiser interessierte sich für die Technik und die Modernisierung Frankreichs, die er zumindest nicht behinderte.

Jacques Offenbach lebte davon, diese zukunftsbesoffene Gesellschaft, die im Geist aber im Ancien Régime stecken geblieben war, zu verspotten. Genau diese Operettengesellschaft lässt Regisseurin Lydia Steier sich nun auf der Dresdner Bühne freuen, und damit die Zuschauer sich nicht zufrieden zurücklehnen, weil das ja nur die Franzosen etwas angehe, spielt der erste Akt vor einer Architekturzeichnung der Semperoper und als trojanisches Pferd wird das Reiterdenkmal des sächsischen Königs vom Vorplatz hereingezogen – ob die blauen Fähnchen, die begeistert geschwenkt werden, auch zur Dresden-Verortung gehören, sei dahingestellt. Gegenüber dieser grell überschminkten Menge, die durch die Bläserbegleitung noch großspuriger wirkt, erscheint die strenge Kassandra wie eine der Frauen der Pariser Kommune, die nach dem Sturz des Kaisers im Krieg von 1870/71 einen wirklichen Zukunftsversuch unternahm. Jennifer Holloway bricht in diese Masse als das einzige Individuum ein, das sich einen klaren Verstand bewahrt hat, bei aller Wucht fehlt es ihr nie an Wärme und Einfühlung, sie gestaltet die Liebe zu Choröbus (sehr überzeugend und mit großer Spannweite an Ausdruckskraft: Christoph Pohl) mit Wahrhaftigkeit, ohne je den Ton des Entsetzens über die kommende Katastrophe zu verlieren, die eben eine so persönliche wie gesellschaftliche ist.

Im Karthago-Akt ist das umständliche Gebilde, das Bühnenbildner Stefan Heyne auf die Bühne wuchten ließ, bevölkert mit russischer Folklore: Popen, bunte Bauersfrauen, wackere Handwerker, die so tun, als ob sie am Turmbau zu Babel mitwirkten (Kostüme: Gianluca Falasci); Narbal (Evan Hughes, ein fabelhafter Sängerschauspieler, der die Verwirrungen, die Didos Vertrauter durchläuft, überzeugend vermittelt) schleppt einen gigantischen Hammer, Iopas eine genauso überdimensionierte Sichel, das Volk schwenkt jetzt rote Fähnchen. Dido ist die visionäre Architektin und Anna die praktisch denkende Bauleiterin. Christa Mayer strahlt in Stimme und Erscheinung ungebrochene Zuversicht aus, doch dass sie sich diese durch Leid erworben hat, wird erkennbar, wenn die trojanischen Flüchtlinge ankommen und sie sich erinnert, dass sie dasselbe Schicksal hinter sich hat.

Hätte sie diese Männer, die alles andere sind als Flüchtlinge, doch niemals aufgenommen! Denn sie haben ihren Auftrag, nach Italien zu ziehen, dort die Völker zu meucheln und ihr Rom zu gründen – da werden sie auch auf ihrem Weg wenig Federlesens machen. Was macht man mit Helden, die das Totschlagen toll finden und den Heldentod das Ziel eines Manneslebens? Tatsächlich benehmen sie sich in Lydia Steiers Inszenierung eher wie Besatzer. Seinen Sohn Askanius singt Emily Dorn als einen dummen Jungen, der mit den Wölfen heult. Die Regisseurin hält dem Heldenepos den kritischen Spiegel vor und zieht ihre Sicht konsequent bis zum Ende durch, was die andere, die dunkle Seite der Musik zum Klingen bringt. Dem schlechten Benehmen der Trojaner fallen leider die so wunderbar melancholischen Lieder von Hylas und Iopas zum Opfer, die einfach untergehen. Bryan Register gelingen als Äneas allerdings nicht nur die Heldentöne, sondern er schmiegt sich im großen Liebesduett auch elegant an Christa Mayers Sopran. Hier ist allerdings der Bühnenbildner der Feind der Sänger – auf dem Turmbau sind sie zu weit weg, um das Publikum zu erreichen, und John Fiore am Pult mangelt es hier leider an Emphase, um die Trunkenheit der beiden richtig hochkochen zu lassen. Noch ärgerlicher ist es, dass ein albernes und völlig überflüssiges Geruckel der trojanischen Flotte die große Arie Didos zerstörte – wie überhaupt manches entbehrlich war an Aktionismus, der am Zuhören hinderte.

Und zu hören gab es doch so viel! Die Sächsische Staatskapelle bot die Riesenpalette der Orchesterfarben von Berlioz, die ja nicht weniger als eine Shakespeare-Bühne bereitstellen wollen, stürmte in der aberwitzigen Attacke, lärmte im blinden Vergnügen, schwelgte im Liebesrausch, von John Fiore zuverlässig angeleitet. Die Chöre spielten nicht nur mit größtmöglichem Einsatz sondern produzierten auch den spezifischen Klang, glänzend einstudiert von Jörn Hinnerk Andresen.

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