Die Brandenburgischen Konzerte vertanzt in Wien

Monolog der Maria Stuart und Bachs Stütze

Isabelle Huppert mit „Mary Said What She said“ und Anne Teresa De Keersmaeker mit den Brandenburgischen Konzerte bei den Wiener Festwochen

Von Derek Weber

(Wien, 4. Juni 2019) Seit Jahren mäandern die Wiener Festwochen durch die Wiener Kulturlandschaft, ohne sich – auf längere Frist gesehen – in stabiler Lage etablieren zu können. Auf die lange Ära Luc Bondy (2002 – 2013) folgte eine für das Festival insgesamt nicht unübliche Periode der Interludien. War es zuerst ein musikalisch determiniertes Intermezzo des jetzigen Intendanten der Salzburger Festspiele, Markus Hinterhäuser (2014 – 2016), so folgte darauf unter Thomas Zierhofer-Kin ein als Kontrast dazu angelegte kurzes Interludium des Experientierens. Zierhofer-Kin war unbeliebt und dazu noch kommerziell wenig erfolgreich. Das ist in Wien wie überall auf der Welt eine unverzeihlich schlimme Mischung. Die Unzufriedenheit darüber führte rasch zur vorzeitigen, nicht vorprogrammierten Ablösung durch den zuerst provisorisch-interimistischen und nun bis 2024 verpflichteten Christophe Slagmuylder.

Unter dessen Leitung scheint sich eine Linie herauszukristallisieren, die dem Musikalischen nicht unbedingt die Priorität zuweist. Insofern darf man die erste große Produktion dieses Festival-Jahres als typisch für das sich abzeichnende Gesamtkonzept ansehen. Dennoch: Es ist in jeder Hinsicht eine wahrhaft große Produktion gelungen, ein Einfrauenstück, das vom Pariser Theatre de la Ville nach Wien geholt wurde, die erste Aufführung seit 1983, bei der Robert Wilson wieder mit Isabelle Huppert und dem Schriftsteller Darryl Pinckney zusammengearbeitet hat. Ein Stück über Maria Stuart: „Mary Said What She Said“ ist ein Monstermonolog von achtzig Minuten, der zwischen Flüstern und Schreien und repetitiven Abschnitten oszilliert. Die französische Schauspielerin meistert ihn mit Bravour und exakter, fast „japanisch“ zu nennender Bewegungsdramaturgie. Dazu gibt es einen illustren Lichtrahmen, der für einen abstrakten Hintergrund sorgt.

Pinckney lässt Mary ihre eigene Geschichte aus ihrer persönlichen Perspektive erzählen. Heraus kommt eine höchst emotional aufgeladene Rückschau auf ihr Leben, bei der freilich die Musik (von Ludovico Enaudi) nicht die erste Geige spielt, sondern – zumal gegen Ende zu – zur Begleitmusik heruntermoderiert wird. Sagen wir, es war ein Abend mit elektronisch aufgemotzter, handwerklich gut gearbeiteter Begleitmusik. Es handelt sich dabei allerdings nicht um ein Musik-„Stück“ im wortwörtlichen Sinn, sondern um eine Art von Gesamtkunstwerk, das ganz auf die Schauspielerin zugeschnitten ist und die Geschichte der Maria Stuart von ihrer frühen Verheiratung bis zum Tag vor ihrer Hinrichtung 80 Minuten lang schonungslos subjektiv zwischen Flüstern und Schreien Revue passieren lässt. Ein wahres Stakkato der Gefühle, das Isabelle Huppert ganz auf sich allein gestellt meistert.
Das heißt, ganz alleingelassen ist sie nun auch wieder nicht. Licht und Bühne tragen sie durchs Drama. Phänomenal ist dabei allein schon der kontinuierliche rasche Redefluss, der nie stockt oder versiegt. Eine Meisterleistung, die am Ende zu Recht mit großem Applaus belohnt wird.
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Redlich bemüht haben sich auch die an den 6 Brandenburgischen Konzerten mitwirkenden Tänzer und Musiker, die „Rosas“ und das „B`Rock Orchestra“ samt dem Hund Kanga. Dass Bachs Musik viel mit Rhytmischem und Tänzerischem zu tun hat, weiß man. Doch hat die tänzerische Umsetzung hier wenig mit dem beim Ballett so beliebten tänzerischen Geschichtenerzählen zu tun, dafür aber viel mit der Umsetzung von Musik in Bewegung, mit Bewegungsphantasien verschiedenster Art, von gemessenem Schreiten bis zu ausgelassenem „pferderlhaften“ Springen.

Anne Teresa De Keersmaeker bemüht dafür einen tänzerischen Apparat, der zur Kategorie „kammermusikhaft“ passt und zwischen strenger Choreographie und den das Improvisierende streifenden Teilen hin- und herpendelt. Selten werden alle 16 TänzerInnen gleichzeitig mobilisiert. Eine schöne Art, Bachs Musik auch an die heranzutragen, die dazu eine gewisse visuelle Stütze brauchen. Immer aber geht es um Bewegung, die aus der Bach´schen Musik selbst kommt und sich dazu alle Freiheiten des Dazu-Tanzens nimmt.

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