Cecilia Bartoli ist Alcina in Salzburg

Zauberoper ohne Magie

Die Salzburger Pfingstfestspiele ermüden trotz exzellenter Besetzung mit Georg Friedrich Händels „Alcina“

Von Christian Gohlke

(Salzburg, am 9. Juni 2019) Ganz am Ende gab es dann doch noch einen bewegenden Moment: Wenn Ruggiero (von Philippe Jaroussky mit sicherer Technik und manchen Schärfen in den Höhen gesungen) Alcinas Zauberspiegel zertrümmert und daraufhin die gläserne Wand zerbirst, hinter der die in Steine und Bäumen verwandelten Opfer der mannstollen Magierin gefangen sind, dann regnen langsam tausend Scherben vom Himmel herab zum Zeichen dafür, dass Alcinas Macht gebrochen ist und ihre Welt, ein früher Klingsorscher Zaubergarten gleichsam, versinkt. Sie selbst entkleidet sich ihrer künstlichen Reize, streift ihr elegantes schwarzes Kleid vom Leib, reißt sich die Haare büschelweise vom Kopf und bleibt zurück als das, was sie von Beginn an war, eine alte, hässliche Frau. Ihr bleiben nur die Tränen: „Mi restano la lagrime“ singt Cecelia Bartoli in ihrer letzten Arie, die in der Salzburger Produktion stimmig von der fünften Szene vor das Finale gelegt wurde. Hier findet die Bartoli mit freier und klarer Stimme zu einem bewegenden, wahrhaftigen Ausdruck. Es war die stärkste Szene der diesjährigen Opernproduktion der Salzburger Pfingstfestspiele, die trotz erstklassiger Besetzung einen matten Eindruck hinterließ.

Damiano Michieletto verlegt die Handlung von Händels 1735 in London uraufgeführter Oper in eine moderne, mit Marmor getäfelte Hotellobby mit dunklem Parkett, hohen Türen und eleganten Lampen. Wahrlich kein origineller Einfall! Ist doch die Hotellobby in den letzten Jahren zum beliebtesten Schauplatz moderner Inszenierungen geworden, so dass es inzwischen kaum noch ein Werk des abendländischen Musiktheaters geben dürfte, das nicht schon in einer Lobby gespielt hat. Nun also auch noch „Alcina“. Immerhin: Die Bühne von Paolo Fantin bricht diesen kruden Realismus durch eine matte, drehbare Glasscheide in der Mitte des Raumes, wobei nicht immer klar wird, welche Sphären durch diese Trennung eigentlich voneinander geschieden werden. Realität und Magie? Traum und Wirklichkeit? Zu selten gelingt es dem Regisseur, Bilder zu finden, die der Klarheit der in Händels Musik ausgedrückten Emotionen entsprechen. Da ist man schon froh, wenn die Lobby im zweiten Akt verschwindet und einigen mit Reif überzogenen Zweigen Platz macht, die vom Schnürboden herabhängen und zu Alcinas Arie „Ah, mio cor!“ ein wenig Kälte und Einsamkeit verströmen. Doch Michielettos Inszenierung bleibt über weite Strecken zu ungenau, vor allem in der Profilierung der Charaktere.

Auch musikalisch bleibt die Aufführung hinter den hohen Erwartungen zurück, die sich bei der Lektüre der Besetzungsliste einstellen. Das liegt indes weniger an den Sängern, als vor allem an dem aus Mailand stammenden Dirigenten Gianluca Capuano, der sich schon früh auf die Aufführung Alter Musik spezialisierte und nun mit dem von ihm 2016 in Monaco gegründeten Barockensemble Les Musiciens du Prince-Monaco zu hören war. Die künstlerische Leiterin dieses Ensembles ist Cecilia Bartoli, welche, wie im Programmbuch zu lesen ist, „die weltweit besten auf historischen Instrumenten spielenden Musiker zusammenbrachte“, um so „ein Orchester ins Leben zu rufen, das an die Musiktraditionen des 17. und 18. Jahrhunderts anknüpft.“

Wirklich spielt dieses Orchester tadellos, die Musiker sind wunderbar aufeinander eingestimmt, jeder Einsatz stimmt, es gibt keine Wackler, die Koordination ist perfekt. Aber der Ausdruck bleibt pauschal. Es fehlen rhythmische Zuspitzungen, klangliche Finessen, dynamische Nuancen, instrumentale Details. Die Flöten und die Theorbe, die Oboen und die Harfe gehen in einem seltsam wattigen Klang meist unter. Und da Gianluca Capuano überdies recht verhaltene Tempi präferiert, legt sich eine merkwürdige Mattigkeit über den ganzen Abend. Dabei sind fast alle Rollen exzellent besetzt! Die technisch so ungemein schwer zu singende Musik mit ihren Läufen und halsbrecherischen Koloraturen wurde nämlich nicht nur von Cecilia Bartoli und Philippe Jaroussky mit Bravour gemeistert, sondern fast beeindruckender noch von Sandrine Piau in der Rolle der Morgana und von Kristina Hammerström als Bradamante. Anrührend war die Besetzung des Oberto mit einem Wiener Sängerknaben (Sheen Park), der mit klar geführter Sopranstimme für sich einnahm, und Alastair Miles rundete als Melisso mit sattem Bass ein hervorragendes Sängerensemble ab. Der Funke wollte trotzdem nicht überspringen.

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