Bergs Lulu in Wien

Kollektivmord

Alban Bergs „Lulu“ an der Wiener Staatsoper in einer erweiterten Wiederaufnahme der Inszenierung von Willy Decker mit einem herausragenden Ingo Metzmacher am Pult

Von Derek Weber

(Wien, 12. Dezember 2017) Was ist das doch für eine Oper! Besonders dann, wenn ein so kompetenter Dirigent wie Ingo Metzmacher am Pult des Wiener Staatsopernorchesters Alban Bergs „Lulu“ so dirigiert, dass man vom ersten Takt an die Erotik spürt, von der in diesem Werk zwischen den Zeilen die Rede ist. Metzmacher weiß diese von der Spätromantik herkommende und in allen Farben schillernde Sinnlichkeit zum Leuchten zu bringen, auch in den orchestralen Zwischenspielen, die mehr sind als bloße Scharniere und Überbrückungsmusiken zwischen den einzelnen Bildern. Gerade in dieser Musik kann das Orchester – im Kern bestehend aus Mitgliedern der Wiener Philharmoniker – zeigen, was in ihm steckt: nämlich eine Art von kollektiver Erinnerung an eine Tradition. (In der Zwischenkriegszeit wurde diese – wenn auch nicht in der Oper – bewahrt und weitergegeben von den Vorläufern der Wiener Symphoniker und Bergs Wegefährten Anton Webern.)

Es war ausgerechnet der politisch nicht ganz zweifelsfreie Karl Böhm, der sich für Alban Berg einsetzte und ihn in Salzburg wie in der Staatsoper wieder hoffähig machte. Politik und Kunst können eben doch ganz überraschend unterschiedliche Wege gehen.
Wenn der Vorhang aufgeht, erinnert man sich sofort des markanten Bühnenbilds wegen an diese überzeugende Wiener Produktion aus dem Jahr 2000, für die Willy Decker als Regisseur verantwortlich zeichnete. Die Premiere der dreiaktigen Fassung, die nun an der Wiener Staatsoper über die Bühne ging, hat also eine relativ weit zurückweisende Vorgeschichte. Gespielt wurde vor 17 Jahren die zweiaktige Fassung der „Lulu“, jener Torso also, den Berg bei seinem Tod im Jahr 1935 unvollendet zurückgelassen hatte. Dass damals bereits eine von Friedrich Cerha auf Grundlage der vom Komponisten hinterlassenen Skizzen, der im Particell vorliegenden und fertig gestellten Teile aufführbare Fassung des 3. Aktes der Oper existierte, wurde dabei ignoriert. (Die von Friedrich Cerha komplettierte dreiaktige Version selbst hatte an der Staatsoper bereits im Oktober 1983 unter Lorin Maazel Premiere gehabt.)

Deckers stringente Konzeption, die neben der rot begrenzten Handlungsebene einen stufigen schwarzen Bühnenhintergrund, einen Zuschauerraum, zeigte, auf dem die Männerwelt auf Lulu gierend die Geschehnisse kommentierte, wurde zum szenischen Markenzeichen dieser Inszenierung, an deren Anfang eine veritable Zirkusmenagerie vorgeführt wird, als Gleichnis für eine Gesellschaft von gefährlichen Voyeuren.

Foto: Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

Nun ist also doch noch der 3. Akt hinzugekommen. Und da merkt man, dass inszenatorische Zeit vergangen ist: Während in den ersten beiden Akten die im Hintergrund präsente Männergesellschaft das Geschehen auf der vorderen Bühne stumm in einer Art von Bewegungs-Choreographie kommentierte, illustriert sie es nun, ehe sie am Schluss zum kollektiven Täter wird und Lulu als Meuchelhaufen ersticht: Die Männerhorde steigt nach dem hell erleuchteten Paris-Bild auf Leitern auf die Haupthandlungsebene hinab. Der gesellschaftliche Abstieg Lulus hat längst schon begonnen. Einer nach dem anderen aus ihrem Umfeld fällt: Erst Alwa, der Sohn jenes Doktor Schön, der einst dem Mädchen Lulu verfiel, am Ende Lulu selbst.

Das wird dezent, mit unaufdringlichem Geschmack, vorgeführt. Agneta Eichenholz ist eine mit der notwendigen stimmlichen Klarheit, Leichtigkeit und Sicherheit ausgestattete Lulu, Angela Denoke verleiht der Gräfin Geschwitz nobles Profil und Jörg Schneider besticht als unglücklicher Maler bzw. im letzten Bild als „Neger“. Bo Skovhus ist ein überzeugender Doktor Schön, der seine kurze Sache auch als Jack the Ripper gut macht. Als Gewinn kann man des Weiteren auch den Einspringer Charles Workman in der Rolle des Alwa verbuchen.
Wolfgang Bankl singt den Tierbändiger und – wenn das Gedächtnis nicht trügt – in neuem, geändertem Kostüm den Athleten, und Franz Grundheber tritt als überzeugender Schigolch auf.

Die Seele des Ganzen aber ist – wir erwähnten es schon, aber es kann nicht oft genug betont werden – der Dirigent des Abends, Ingo Metzmacher. Es gibt ja nicht so viele Orchesterleiter, bei denen das Repertoire des 20. Jahrhunderts in besten Händen ist.
Insgesamt war diese „Lulu“ ein überzeugendes Plädoyer für das, was man mit Fug und Recht als „Moderne“ bezeichnen darf, für ein Werk, das noch vor wenigen Jahrzehnten von vielen ängstlichen Opernbesuchern ebenso gemieden wurde wie Alban Bergs zweite Oper, „Wozzeck“, die damals trotz Claudio Abbado am Pult unter mangelndem Zuschauerinteresse laborierte.

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