Begeisterndes Belcea Quartet

Haydn mit barocker Phrasierung

Das Belcea Quartet mit einem faszinierenden Programm und ebenso faszinierenden Interpretationen in Freiburg

Von Georg Rudiger

(Freiburg, 26. Februar 2018) Sie sitzen ganz eng zusammen. Statt Noten haben sie Tablets mitgebracht, die mit dem Fuß gesteuert werden. Der Blick auf die Äußerlichkeiten weicht aber schon nach wenigen Takten einem gefesselten Hinhören, das zweieinhalb Stunden andauert. Der Auftritt des Belcea Quartetts bei den Albert-Konzerten im großen Saal der Freiburger Musikhochschule hat die Wucht eines Kometeneinschlags.

Die Energie dieses von der Primaria Corina Belcea sehr physisch geführte Ensemble und die Mannigfaltigkeit der Farben sind wirklich nicht ganz von dieser Welt. Joseph Haydns tiefsinniges D-Dur-Quartett op. 20 Nr. 4 eröffnet den intensiven Abend. Die Musiker greifen zu Klassikbögen und setzen ihr Vibrato nur sehr dosiert ein. So entsteht eine lichte Transparenz und ein intimer Dialog zwischen den Stimmen, der gerade im Pianobereich unendliche Schattierungen aufweist.

Schon die Satzanfänge sind Ohrenöffner – so perfekt sind die Stimmen ausbalanciert, so einheitlich sind Klang und Gestus. Die zweite Variation im tief geloteten zweiten Satz „Un poco adagio e affetuoso“ gestaltet der Cellist Antoine Lederlin mit barocken Phrasierungen und so frei wie eine Improvisation. Auch Axel Schacher an der Violine 2, beide Mitglieder des Sinfonieorchesters Basel, entwickelt ähnliche Sorgfalt in der Gestaltung seiner Linien. Krzysztof Chorzelski (Viola) belebt das Ensemble von der Mitte aus. Im Menuet alla zingarese und Presto e scherzando wird die so ätherisch klingende Formation zur geerdeten Tanzkapelle.

György Ligetis erstes Streichquartett „Métamorphoses nocturnes“ wechselt noch schneller und radikaler die Charaktere. Immer wieder entstehen neue Allianzen zwischen den Musikern – erhalten bleiben Esprit und Frische. Corina Belcea ist an der ersten Violine die temperamentvolle Impulsgeberin, die auch die virtuosesten Figuren auf der manchmal etwas scharfen E-Saite locker dahinfetzt. Und wenn sich alle Vier im gleichen Rhythmus festbeißen, bleibt kein Stein mehr auf dem anderen.

Mit der gleichen existentiellen Hingabe widmet sich das Belcea Quartet Beethovens zerrissenem Quartett in B-Dur op. 130. Die steten Wechsel zwischen Adagio und Allegro im ersten Satz sind auf den Punkt musiziert, die Cavatina ist von inniger Größe. Die zerklüftete Große Fuge schließlich wird zur anstrengenden Expedition ins ewige Eis mit glücklichem Ausgang, dem das Quartett noch eine fantastisch kratzbürstige Version von Schostakowitschs Allegro non troppo aus dem 3. Streichquartett folgen lässt. Mit dem tröstenden langsamen Satz aus Thomas Adès‘ Streichquartett „Arcadiana“ im Ohr geht man erfüllt und dankbar in die eiskalte Nacht.

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