Bachs Brandenburgische Konzerte mit Trevor Pinnock

Seltener als Mahler

Trevor Pinnock Bild: Tonicale

Trevor Pinnocks „European Brandenburg Ensemble“ begeisterte im Münchner Herkulessaal mit Bachs Brandenburgischen Konzerten
(München, 18. November 2007) Ist das nicht seltsam? Mahlers Sinfonien erfordern hunderte von Musikern und riesige Säle, und trotzdem gibt es sie regelmäßig live zu hören. Bachs Brandenburgische Konzerte hingegen, nur sechs an der Zahl und jedes für sich zwar bunt, aber klein besetzt, erlebt man kaum einmal leibhaftig im Konzertsaal.

Warum Musiker solch einen Bogen um das berühmteste halbe Dutzend von Konzerten der Musikgeschichte machen, darauf gab ein Konzert am Samstag Abend im Herkulessaal der Münchner Residenz einen Hinweis. Mit den sechs Brandenburgischen Konzerten war dort das „European Brandenburg Ensemble“ unter der Leitung von Trevor Pinnock zu Gast. Pinnock, als Cembalist und vor allem als Gründer und ehemaliger Leiter des Originalklang-Ensembles „The English Concert“ berühmt geworden, feierte mit dieser Tournee seinen sechzigsten Geburtstag. Eigens zu diesem Anlass wurde aus Musikern anderer bekannter Alte-Musik-Ensembles Europas, wie dem „Orchestra of the Age of Enlightenment“, dem „Giardino Armonico“, dem „Amsterdam Baroque Orchestra“ und, natürlich, dem „English Concert“ (das heute der Geiger Andrew Manze sehr erfolgreich leitet) ein Ensemble speziell für die Aufführung von Bachs „Brandenburgischen“ zusammengestellt. Ein prächtiges Geschenk für Pinnock, einen der Großen der Originalklang-Szene, und ein nicht minder prächtiges für die Besucher der Konzerte.
Mit dem Engagement des „European Brandenburg Ensemble“ hat der Veranstalter „Tonicale“, der sich ohnehin durch sein Engagement für die Alte Musik wohltuend von der Konkurrenz abhebt, einen glänzenden Griff getan, um die Notwendigkeit zu unterstreichen und zu bekräftigen, dass diese sechs herrlichen Konzerte aufgeführt gehören. Aber es wurde auch unmissverständlich klar gemacht, auf welchem Niveau die Stücke aufgeführt werden sollten: keinen Millimeter unterhalb dessen, was Pinnocks „Brandenburg Ensemble“ im Herkulessaal vorgegeben hat. Und dieses Niveau ist nicht jedem Orchesters gegeben: jeder der 25 Musikerinnen und Musiker ist ein ausgewiesener Solist. Die Geiger zeigten im Wechsel der Solisten in den Konzerten 1,5,4 und 2, welche Virtuosität hier gemeint ist, ebenso die Bratscher in den Konzerten 3 und 6. Diese Juwelen der Konzertliteratur dulden keine Mitläufer. Dann schaffen es auch sieben Musiker wie im sechsten Konzert für zwei Bratschen, zwei Violen da Gamba, Cello und Basso continuo, einen so großen Raum wie den Herkulessaal mit Klang zu füllen. Die Zuhörer durften sich fühlen wie bei einem Privatkonzert einer fürstlichen Hofkapelle. Sehr leise allerdings war das fünfte Konzert, für Solovioline, Flöte, Cembalo und Orchester. Die Holz-Traversflöte war erst nach einiger Eingewöhnung gut zu vernehmen, der Bass trug kaum, weil auf den Kontrabass verzichtet wurde. Mit solchermaßen schwebendem Bass war die Balance des Ensembles insgesamt zu einer seltenen Raffinesse perfekt gesteigert, aber eigentlich gehört das in einen kleineren Saal.

Die Perfektion war das eine. Die Spielfreude und die Kenntnis der Musik das andere. Schon an den Gesichtern der Musikerinnen und Musiker war zu sehen, dass hier nichts abgenutzt war oder Routine, dass diese Leute diese Musik mit solcher Hingabe spielen als hätten sie sie gerade für sich neu entdeckt. Wie Bach sie immer wieder herausfordert, ihre Virtuosität zu demonstrieren, das zeigte die phänomenale Geigerin Kati Debretzeni im ersten und vierten Konzert oder der Blockflötist Mark Radcliffe. Von Fehlern nicht verschont blieben zwar die Beiträge der zwei Hornisten im ersten und des Trompeters im zweiten Konzert. Aber das ist auch nicht der Punkt dieser Partien: die Musiker erfüllten sie mit dem, worauf es ankommt, nämlich einem subtil sprachlich artikulierten Spiel, das den Klang der ventillosen Instrumente als partnerschaftliche Kammermusik zu erkennen gibt, der mit der Violine, ja sogar mit der Blockflöte korrespondiert. Besonders das wegen seiner besonderen Besetzung mit zwei Hörnern und drei Oboen so selten gespielte erste Konzert bereitete mit seiner Klangpracht große Freude.

Was Bachs Brandenburgische Konzerte zu den großen Geniestücken unserer Musikgeschichte macht, ist die scheinbare Mühelosigkeit, mit der hier die allerhöchste Kompositionskunst in reine Unterhaltung transformiert wird. Für die meisten Orchester und deren Musiker dürfte das zu viel der Mühe sein. Daher wird es weiterhin mehr Mahler geben. Und nur wenige solcher Sternstunden wie diese zwei im Herkulessaal in München.
 
László Molnár

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