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    Im Leipziger Gewandhaus hat das hochkarätige Schostakowitsch-Festival begonnen

    Opern- und Konzertkritiken

    Auflehnung, Anpassung und Introspektion

    Das Schostakowitsch Festival des Gewandhausorchesters unter Andris Nelsons bietet alle Symphonien, Solokonzerte und Kammermusik mit dem Gewandhausorchester, dem Boston Symphony Orchestra sowie herausragenden Solisten – der Auftakt war bereits sensationell

    Von Robert Jungwirth

    (Leipzig, 15. und 16. Mai 2025) Gut möglich, dass die Musikgeschichte und vor allem die Lebensgeschichte Dmitri Schostakowitschs anders verlaufen wären, wenn, ja wenn der Komponist 1936 seine vierte Symphonie nicht nach der Generalprobe zurückgenommen und die Premiere abgesagt hätte. Es stand Spitz auf Knopf für den in Ungnade gefallenen Musiker, dessen Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ kurze Zeit vorher zu einem der größten Musikskandale in der damaligen Sowjetunion geführt hatte. „Chaos statt Musik“ war die vernichtende Kritik in der „Prawda“ betitelt, die erschien nachdem Josef Stalin die Oper besuchte und in der Pause gegangen war. Das war keine Kritik eines harmlosen Musikkritikers, sondern der Text war direkt von Stalin initiiert.

    Die Oper verschwand daraufhin vom Spielplan und auch sonst gab es erstmal keine Aufführungen von Schostakowitschs Werken. Schließlich wurden aber die Proben für seiner nächste Symphonie anberaumt, die vierte. Und dieses Werk ist so radikal und brutal in der Schilderung von Schostakowitschs repressiver Gegenwart, dass wohl Freunde ihm dazu rieten, das Konzert abzusagen. Was er schließlich tat. Die Vierte ist eine beißende Groteske über Militarismus und Diktatur, vulgo über den Staat Stalins, der just zu dieser Zeit weitreichende „Säuberungen“ in der Bevölkerung ins Werk setzte. Alle auch nur ansatzweise verdächtigen Personen hatten um ihr Leben zu fürchten. Wäre die Aufführung der Symphonie zustande gekommen, der Komponist wäre mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit verhaftet und deportiert worden, wenn nicht sogar Schlimmeres.

    Es ist ein Statement, dass der Gewandhauskapellmeister Andris Nelsons gerade diese nicht so sehr bekannte und auch nicht oft gespielte Vierte zum Auftakt des großen Schostakowitsch-Festivals des Gewandhausorchesters gewählt hat und das Werk in einer enorm zugespitzten, seine Radikalität hervorkehrende Art und Weise interpretiert hat. Was das Gewandhausorchester dabei an grotesker Überzeichnung, dynamischen Extremen und intensiver Spannung hervorbrachte war beeindruckend.
    Beiden, Dirigent wie Orchester, merkt man die enge Verbindung zu Schostakowitschs an. Und so wurde dieser Festival-Auftakt zu einem grandiosen musikalischen Statement gegen staatliche Unterdrückung und Militarismus – auch und gerade für unsere von Kriegen, Despotismus und Aufrüstung geprägte Gegenwart.

    Man kann gar nicht genug staunen und bewundern, dass Nelsons in den kommenden 14 Tagen noch 10 weitere Symphonien Schostakowitschs dirigieren wird und dazu auch noch die „Lady Macbeth“ an der Leipziger Oper. Dazu hat Nelsons auch sein zweites Orchester, dem er als Chef vorsteht, nach Leipzig geholt, das Boston Symphony Orchestra. Außerdem wird das aus Akademisten bestehende Festivalorchester im Einsatz sein. Daneben spielt das seit Jahren als Referenz-Ensemble für Schostakowitsch geltende Quatuor Danel alle Quartette, es gibt Klavierabende und weitere Kammermusik mit Daniil Trifonov. Ein weltweit beispielloses Angebot zu Ehren Schostakowitschs und dessen 50. Todesjahr. Bei der Leningrader Symphonie, der 7., am 22. und 23. Mai werden Musikerinnen und Musiker aus Gewandhausorchester und Boston Symphony gemeinsam auftreten!

    Trifonov war auch der Solist im 2. Klavierkonzert, das neben der staatskonform jubelnden Festlichen Ouvertüre beim ersten Konzert vor der Pause zu hören war. Schostakowitsch hatte es 1957 für seinen Sohn Maxim komponiert, der es zum Abschluss seines Klavierstudiums in Moskau spielte. Der erste Satz ist ein witzig überdrehtes Virtuosenstück, teilweise wie eine Persiflage auf Rimsky-Korsakov. Hier kann der Pianist sein technisches Vermögen demonstrieren, was Trifonov mit sichtlichem Vergnügen und glasklarer Perfektion tat. Die Sätze zwei und drei fallen dagegen ein wenig ab, zum Teil klingt es nach Filmmusik, zum Teil nach etwas flachem Virtuosengeklingel.

    Gewanhausorchester, Andris Nelsons Gewandhauskapellmeister, Daniil Trifonov Klavier Foto: © Jens Gerber

    Tags darauf nahmen die Kolleginnen und Kollegen aus Boston auf dem Gewandhauspodium Platz und Nelsons dirigierte das erste Violinkonzert mit Baiba Skride als Solistin. Bei diesem Werk von 1947/48 schlug Schostakowitsch einen anderen Ton an, einen introvertierten, brütenden, traurigen und trauernden. Kein Wunder, war er 1948 doch erneut ins Fadenkreuz der stalinistischen Kritik geraten.

    Der erste Satz ist eigentlich eine einzige begleitete Geigen-Arie, ein Geigen-Lamento, das auch bereits Elemente der zentralen Passacaglia (3. Satz) vorstellt. Baiba Skride spielte das mit maximaler Konzentration und Kontemplation, von den Bostoner eher nüchtern begleitet. In der Passacaglia aber fanden beide besser zusammen, ließen sie gemeinsam einen tiefschürfenden, erschütternden Klagegesang erklingen. Diese Musik gehört zum Ergreifendsten und Innigsten, was dieser so vielgestaltige und manchmal schwer festzulegende Komponist geschrieben hat. Und Baiba Skride und Andris Nelsons widmeten sich dieser Musik gewissermaßen mit Haut und Haaren. Ein lang  nachwirkender Eindruck.

    Im zweiten Teil dann die 11. Symphonie mit dem Titel „Das Jahr 1905″. In dem ebenfalls 1957 entstandenen Werk schildert Schostakowitsch gewissermaßen als Programmmusik die Volksproteste gegen den Zaren in St. Petersburg 1905, die blutig niedergeschlagen wurden. Viel wurde darüber spekuliert, ob Schostakowitsch seine Symphonie auch im Hinblick auf die Aufstände in der Tschechoslowakei komponiert hat. Wie auch immer ist auch diese Symphonie ein weiteres klingendes Pamphlet gegen staatliche Gewalt und Repression mit einem ins Extreme getriebenen klanglichen Schlachtengetümmel, bei dem die Bostoner keine Zurückhaltung und keine instrumentalen Grenzen zu haben schienen. Die Brillanz und Prägnanz in den Blechbläsern, aber auch in den anderen Orchestergruppen war schlichtweg phänomenal.

    Und phänomenal war auch die spannungsgeladene Konzentriertheit mit der Andris Nelsons das dirigierte. Allein schon diese beiden Eröffnungsabende waren spektakulär und begeisternd.
    Daneben bot das Salonorchester Cappuccino (bestehend aus Gewandhausmusikern) an einem Nachmittag ein sehr charmantes und wunderbar moderiertes Konzert mit verschiedenen Filmmusiken Schostakowitschs.

    Das Festival dauert bis zum 1. Juni – Infos unter gewandhausorchester.de
    Aufnahmen aus dem Programm sind zudem im neu gegründeten Gewandhaus-Radio zu hören gewandhausradio.de

    18. Mai 2025/0 Kommentare/von Robert Jungwirth
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