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    I Capuleti e i Montecchi in Weimar

    Opern- und Konzertkritiken

    Liebe in Zeiten des Krieges

    Jossi Wieler und Sergio Morabito inszenieren am Deutschen Nationaltheater Weimar Vincenzo Bellinis Oper „I Capuleti e i Montecchi“

    Von Joachim Lange

    Um eine Oper von Vincenzo Bellini (1801-1835) zu inszenieren, braucht man Gründe. Eine ausgeprägte Liebe zum sogenannten Belcanto, dem schönen Gesang, ist wohl noch der, auf den sich die meisten Liebhaber italienischer Oper einigen können. Bellini, Donizetti Rossini – ohne sie ist Verdi kaum denkbar. Und dann war da ja noch Maria Callas, die mit ihren diversen Aufnahmen immer noch als Anwältin aktiv ist. Und so gibt es ab zu mal eine „Sonnambula“ oder eine „Norma“ auf einer Bühne mit dem Ehrgeiz, auch mal was neben dem üblichen Kanon zu bieten.

    Außerdem machen natürlich bestimmte Regisseure neugierig, wenn sie sich wie jetzt am Deutschen Nationaltheater in Weimar, ein eher selten zu sehendes Exemplar der vielen Bellini-Opern wie „ I Capuleti e i Montecchi“ vornehmen. In dem Fall muss es tatsächlich Regieteam heißen. Jossi Wieler und sein (heute an der Wiener Staatsoper als Dramaturg arbeitender) künstlerischer Partner Sergio Morabito arbeiten in der Oper stets zusammen. Ihre durchschlagendsten Erfolge hatten sie vor allem dann, wenn die kongeniale Raumerfinderin Anna Viebrock die Ausstattung beigesteuert hat.

    Dass es der Weimarer Operndirektorin Andrea Moses (die selbst einige Jahre an der Seite von Jossi Wieler für die Oper in Stuttgart zuständig war und dort im Wechsel mit ihm inszenierte) dieses Team nach Weimar locken konnte, ist an sich schon ein Erfolg. Selbst wenn man die Inszenierung dieser Romeo-und-Julia-Variante des damals 29jährigen italienischen Komponisten-Stars heute nicht mehr für der musikalischen Weisheit letzten Schluss hält und auch die szenische Umsetzung in einem nacherzählenden Rahmen bleibt. Andererseits müssen alle drei niemandem mehr beweisen, dass sie auch entlegene Stücke in einer Weise lesen können, die sie an uns heranrücken.

    Für Weimar hat Viebrock eine dreiseitige Fassadenwand mit italienischer Anmutung auf die Drehbühne gesetzt, die auf der Rückseite eine Art Innenhof bildet, der auch als Gruft glaubwürdig ist und alle Schauplätze des Zweiakters beglaubigt. Manchmal allerdings auch (mit Deutungsabsicht versteht sich) für ziemliches Gedränge sorgt. In der von Shakespeare inspirierten Libretto-Variante von Felice Romani fehlen nicht nur der berühmteste Balkon der Literatur und ein paar Nebenfiguren. Es geht hier nicht nur um zwei rivalisierende Familien, deren Feindschaft dem Romeo (von den Montecchi) und der Julia (aus dem Hause Capuleti) letztlich das Leben kostet. Hier stehen sich zwei verfeindete Parteien gegenüber und führen Krieg gegeneinander. Giulettas Vater Capellio ist das Oberhaupt der Verona (noch haltenden) Capuleti. Tebaldo (der Giulietta tatsächlich liebt) ist ein Verbündeter der Bedrängten bekommt von Capellio als Lohn für seine Unterstützung – ohne Rücksprache mit der Betroffenen versteht sich – Giulietta als „Lohn“.

    Und ihr (heimlicher) Geliebter Romeo ist der Anführer der Montecchi, die dabei sind, die Stadt zu erobern. Romeo ist hier ein Warlord, der sich inkognito als Unterhändler in die Stadt begibt und einen Kompromiss anbietet, der auf eine Teilung der Stadt und auf die Hochzeit Romeos mit Giulietta hinausläuft. Die toxische Melange aus Rache, politischer Unversöhnlichkeit und persönlicher Rivalität eskaliert das Gegeneinander, so dass der Wahnsinn des Krieges triumphiert.

    Wie bei Shakespeare kommt es beim Versuch Lorenzos, das Schicksal mittels Gift und Gegengift auszutricksen, die Informationspanne (was heute dem berühmten der-Akku-ist-leer entspräche) dazwischen: Romeo vergiftet sich selbst, weil er Giulietta tot wähnt. Der hereinstürmende Vater erschießt hier – mehr aus Versehen – die eigene Tochter. Der Plot hakt schon an etlichen Stellen – aber der Wahnsinn des Krieges, der kommt raus. Und das passt dann auch zur Losung, die derzeit im Rücken von Goethe und Schiller am Balkon des DNT hängt. „Diplomatie! JETZT ! Frieden!“. Dass das heutzutage schon Mut erfordert und dem Theater Anfeindungen (aber auch Zustimmung) einbringt, ist ein Spiegel der Stimmung im Lande und korrespondiert mit der Inszenierung im Haus.

    Dominik Beykirch sorgt am Pult der Staatskapelle Weimar für den Drive, den diese Musik braucht, auch wenn sie manchmal schematisch nach Bausteinen klingt. Der von Jens Petereit einstudierte Chor ist dabei einer der Protagonisten. Er versucht das Leid der Geschundenen mit Verbänden und Krücken, vor allem mit plakativem Realismus nachzuspielen.

    Überzeugender ist der bravouröse Gesang. Oleksandr Pushniak ist als Capellio mit seiner stimmlichen Wucht und Erscheinung tatsächlich ein selbstsicherer Warlord, den nichts anficht. Uwe Schenker-Primus wird sichtbar davon zerrissen, dass Lorenzo einerseits dessen Vertrauter ist, aber andererseits auch den beiden Liebenden helfen will zusammenzukommen. Taejun Sun denunziert seinen Teobaldo nicht als pathologischen Fiesling, sondern gesteht ihm auch ein nachvollziehbares Maß an Charakter zu. Die Mezzosopranistin Sayaka Shigeshima beeindruckt als Romeo zwar mit stimmlicher Verve, an einen Warlord (oder auch nur stürmisch liebenden jungen Veronesen) denkt man bei ihrem Spiel allerdings nicht. Ylva Sternberg ist da als zerbrechliche Giulietta, die zwischen Pflicht und Liebe zerrissen wird, glaubwürdiger. Am Premierentag war das Publikum zum Jubel fest entschlossen.

    7. Juni 2023/0 Kommentare/von Robert Jungwirth
    Schlagworte: Bellini, Jossi Wieler
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