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    Cosi fan tutte in Lyon

    Opern- und Konzertkritiken

    Auf in den Hörsaal

    An der Oper in Lyon macht Marie-Ève Signeyrole aus Mozarts „Cosi fan tutte“ eine packende Lehrstunde über die Liebe und die mögliche Verwirrung der Gefühle

    Von Joachim Lange

    (Lyon, 14. Juni 2025) Spätestens seit der Intendanz von Serge Dorny gilt der Anteil der jungen Zuschauer in der Oper Lyon als ein Markenzeichen. Das ist auch unter Dornys Nachfolger Richard Brunel offensichtlich so geblieben. In der jüngsten Inszenierung von Mozarts Così fan tutte schaffen es jetzt sogar jeweils 20 junge Paare zwischen 20 und 32 Jahren auf die Bühne. Als Teilnehmer an einer Lehrstunde über die Liebe, ihre Möglichkeiten und Gefährdungen.

    In Deutschland hat Regisseurin Marie-Ève Signeyrole an der Semperoper in Dresden mit ihrer „Turandot“-Inszenierung Eindruck gemacht. In Berlin kommt in ihrer Regie gerade Bernard Foccroulles „Cassandra“ das erste Mal auf eine deutsche Bühne. Zusammen mit ihrem Ausstatter Fabien Teigné hat sie jetzt in Lyon aus Mozarts und DaPontes Laborexperiment genau das gemacht, was ihr Untertitel behauptet: „ la scuola degli amanti “, eine Schule der Liebenden. Das sieht auf der Bühne so aus wie eine Mischung aus Hör- und Malsaal einer Universität der Künste. Eine Schule, in der offenbar die Kunst zu leben und lieben mit zum Lehrauftrag zählt. Von der Decke lassen sich Leinwände herabfahren, an die dann Kapitel- oder Textüberschriften projiziert werden. Die Tribüne mit den Sitzreihen für die Studenten lässt sich in der Mitte teilen und zur Seite fahren. So entsteht der Platz für den Saal, in dem gezeichnet wird. Und zwar nach der Vorlage von Blumen und Früchten, aber auch nach nackten Menschen, also ganz klassische Aktmalerei.

    So kommt es, dass Fiordiligi bei ihrer berühmten Felsenarie vom direkten Blickkontakt mit der Vorderseite des nackten (männlichen) Modells, das wir nur von hinten sehen, irritiert oder auch inspiriert wird – wer weiß das schon. Diese augenzwinkernde Doppelbödigkeit gehört zu den vielen witzigen Details einer ziemlich lebendigen Inszenierung.

    Der Clou des Ganzen sind aber die Studenten auf der Bühne, die hier mitmachen. Mit der Premierentruppe ist vom Regieteam offensichtlich so gute Vorarbeit geleistet worden, das es einfach Spaß macht, zuzusehen, wie locker und authentisch sich die Laien verhalten.

    Der Professor dieses Kurses über alle Aspekte von Liebe und Enttäuschung, von Leidenschaft und Sinnlichkeit ist natürlich jener Don Alfonso, der zusammen mit seiner Assistentin Despina immer den Spielmacher gibt. Ganz gleich, wie historisch oder modern dieses Laborexperiment in Opernform auf die Bühne kommt.

    Dass es bei dieser Oper nicht um einen Scherz mit Maskerade geht, sondern um deutlich mehr, dämmerte schon den Zeitgenossen Mozarts und DaPontes. Dass gerade diese Oper im prüden 19. Jahrhundert als anstößig von den Bühnen wegzensiert wurde, wird von heute aus betrachtet zu einem Qualitätsmerkmal. Ein musikalischer Beleg für Mozarts Genialität ist sie ohnehin. Im Grunde ist es die Oper Mozarts, die erst und vor allem in einer Gesellschaft ihr aufklärendes Potenzial entfalten kann, in der der freie Wille von Männern und Frauen, einmal gegebene Partnerschaftsversprechen, am Rumoren der Gefühle, aufkommenden oder verebbenden erotischen Anziehungskräften messen und in deren Licht auch korrigieren kann.

    Dass es in dieser Oper nicht darum geht, eine besondere Schwäche der Frauen im Hinblick auf die Ernsthaftigkeit ihrer Gefühle bzw. ihrer Fähigkeit zur Treue zu diagnostizieren, ist (hier und heute) längst ebenso klar, wie der anmaßende Charakter, wenn Männern bei einer solchen Wette (bzw. einem solchen Experiment) Richter spielen, die ihre Frauen testen dürfen. Aus diesem Spannungsfeld eines genauen Blicks auf die Partnerpräferenz und ihre Wandelbarkeit auf der einen Seite und dem sozialen Experiment (hier im Rahmen einer Universität) schlägt die Inszenierung ihr Kapital.

    Auf den ersten Blick spielen sie Così fan tutte (also so machen es alle, soll heißen alle Frauen). Was aber musikalisch emotional zu erleben und demzufolge szenisch freizulegen ist, ist das Così fan tutti also so machen bzw. trifft es alle Menschen, Frauen und Männer. Wenn sich die Kompassnadel der Anziehung bei der etwas leichtfüßigeren Mezzo-Schwester Dorabella in Richtung des Baritons (eigentlich ihres designierten Schwagers Guglielmo) zu drehen beginnt, und sich auch Sopranistin Fiordiligi entschließt, dem Tenor (Ferrando) zuzuwenden, dann trifft das auch bei den Männern nicht nur auf ein Kalkül, um die Wette zu gewinnen, sondern auf Gegenliebe bzw. mindestens aber auf eine Verwirrung ihrer Gefühle.

    Nimmt man das Ganze als Kammerspiel, lassen sich die Ausschläge der emotionalen Kompassnadeln (wenn man diese Meinung teilt) gut erkennbar ausdifferenzieren. Das bleibt, auch wenn hier das Experiment vor versammelter Mannschaft die Oberhand behält und die beiden weiblichen Probanden im Unklaren gelassen werden, was gespielt wird. Als sich die Männer zum Schein vergiften, um die Frauen in veränderter Konstellation für sich zu gewinnen, bemerkt einer der Studenten, der sich über den am Boden liegenden Inkognito-Guglielmo beugt, dass der nur markiert. Dass er diese Erkenntnis seinen Kommilitonen zuflüstert und die sich heimlich darüber amüsieren, dass hier in einem Lehr-Experiment mit Menschen, die nichts von ihrer Rolle wissen, im Grunde Schindluder getrieben wird, hat heute, nicht nur wegen der eskalierenden Befindlichkeitskommunikation, sondern auch tatsächlich eine ethische Dimension.

    Die Erklärung des Professors (in hinzugefügten gesprochenen Textpassagen), dass der Titel seines Großen Experiments auf tutti enden müsste, ist ex cathedra klar und eindeutig. Im Detail sind dann aber doch an einigen Stellen die Frauen die Dummen, während die Männer die Machos raushängen lassen. So wie Guglielmo hier ausrastet und wie der übelste Macho gegenüber seinem Freund sogar handgreiflich wird, als die vermeintlich verwerfliche Untreue „seiner“ Braut ans Licht kommt, zeugt von einem merkwürdigen Verständnis über das Verhältnis der Geschlechter und der Entscheidungsfreiheit der Frauen über ihre Gefühle mit. Vielleicht wollte der Professor Alfonso gerade solchen verinnerlichten Normen bewusst herauskitzeln, auf das man(n) daraus seine Lehren zieht?

    Die Machart, wie dieser Cosi-Inszenierung ist offen, wirkt modern, fügt in den Zwischentexten sogar eine sozusagen analysierende, wissenschaftliche Metaebene ein. Gleichwohl kollidiert die inszenierte (nicht der postulierte) Aussage allerdings streckenweise damit.

    Musikalisch und vokal wird dieser Ausflug in die Vollen und der Tiefgang zu den nackten Tatsachen durch das Ensemble voll und ganz getragen, musikalisch legitimiert und hat eine mitreißende Wirkung. Am Pult des Orchestre de l’Opéra de Lyon sorgt Duncan Ward für den zu dieser Szene packenden musikalischen Sound. Auch der von Benedict Kearns einstudierte Chor des Hauses trägt musikalische diese besondere Inszenierung mit. In dem gefeierten Ensemble ist Simone Del Savio ein fundiert singender, aber auch sprechender Professor Alfonso und Glulia Scopelliti seine beherzte (auch nicht wirklich eingeweihte Assistentin Despina. Im Quartett der beiden Paare glänzen Tamara Banjesevic und Deepa Johnny als überzeugende Schwestern Fiordiligi und Dorabella. Robert Lewis legt als Ferrando im Laufe des Abends deutlich zu, Ilja Kutjuchin liefert einen durchgängig vokal und darstellerisch herausragenden Guglielmo. Der Diskurs über die (auch im wörtlichen Sinne) nackten Tatsachen menschlicher Gefühle wird in diesem Falle auch durch das Mitspielen der 20 Paare aus dem Hier und Heute unvermeidlich und erfreulich weite Kreise ziehen. Ausverkauft sind nämlich auch die Bühnenplätze für die ganze Aufführungsserie des Stagionehauses.

    18. Juni 2025/0 Kommentare/von Robert Jungwirth
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