Foccroulles Cassandra in Berlin
Die doppelte Kassandra
Die Berliner Staatsoper zeigt Bernard Foccroulles Oper „Cassandra“
Von Robert Jungwirth
(Berlin, 19. Juni 2025) Schmelzende Polkappen lassen sich musikalisch eher schlecht darstellen. Das Artensterben schon eher. Also komponierte Bernard Foccroulle für seine „Cassandra“-Oper über eine Warnerin vor der Klimakatastrophe einen Bienenflug in Anlehnung an den berühmten Hummelflug. Das Artensterben wird schließlich auch durch den Klimawandel beschleunigt. Es gibt kein großes Instrumentarium wie bei Rimsky-Korsakows Hummeln – damals gab es noch viele Insekten – sondern nur ein paar tremolierende Musiker*innen. Und die werden im Lauf der Oper auch immer weniger.
Eine moderne Kassandra wollten Foccroulle und sein Librettist Mathew Jocelyn mit ihrer 2023 entstandenen Oper kreieren, die ähnlich wie ihre antike Vorläuferin ihre Mitwelt vergebens vor der nahenden Katastrophe warnt. Hier eben die Klimakatastrophe. Die Uraufführung kam an der Brüsseler Oper heraus, wo Foccroulle einmal Intendant war.
Sandra, wie sie bei Foccroulle heißt, ist Eisforscherin und also solche mit dem Abschmelzen der Pole wissenschaftlich bestens vertraut. Dazu tritt sie als Comedien auf, macht aus ihren Warnungen vor einer ultimativen Menschheitskatastrophe eine Comedy-Show. Warum sie das tut und warum das besonders sinnvoll erscheint, wird in der Oper nicht so ganz klar. Wie überhaupt in ihr zu viele Themen und Themenfelder angesprochen und ankomponiert werden.
Die Antike klingt überzeugender
Los geht es erstmal mit der Zerstörung Trojas, vor der die „echte“ Kassandra gewarnt hatte. Jetzt liegt die Stadt in Trümmern, Leichen und Verwundete dazwischen. Die Musik spiegelt die Schrecknisse in zerrissenen, schmerzlichen Klängen, Regisseurin Marie-Eve Signeyrole inszeniert eingestürzte Mauern und Schreckensgesichter. Die antike Kassandra ist während der Oper immer präsent, korrespondiert über die Jahrtausende hinweg indirekt mit ihrer Wiedergängerin. Dabei klingt die Antike bei Foccroulle irgendwie überzeugender als die Gegenwart mit ihrer leicht musicalhaften Beliebigkeit. Die Klänge zur Antike wirken bei Foccroulle spannender, gewichtiger als die der Gegenwart – auch wenn das vermutlich nicht intendiert war. Denn eigentlich ist natürlich Sandra die Hauptfigur der Oper.
Jocelyn strikte auch noch Sandras Liebesgeschichte mit einem Altphilologen und ein kleines Familiendrama in die Geschichte mit hinein. Der Altphilologe Blake wird zum Öko-Aktivisten und geht auf einem Protestschiff in der Antarktis unter. Sandras Vater ist ein gerissener Geschäftsmann, der sich auf den Klimawandel freut, weil dann der Abbau von Bodenschätzen in der Arktis erst so richtig möglich wird. Und dann gibt es auch noch eine Schwester Sandras, die sich erdreistet schwanger zu werden, während Sandra Kinder für Klimakiller hält oder sie zumindest nicht in eine so ungewisse Zukunft hineingebären will.
Das alles ist ein bisschen zu viel für ein einzelnes Stück zumal die vielen Aspekte nur lose und wenig stringent miteinander verknüpft sind. So gerät die Oper „Cassandra“ mehr zu einem Kopf- als zu einem Bühnentheater, was durchaus schade ist, denn der Grundgedanke, die Spiegelung von Antike und Gegenwart im Zusammenhang mit der Geschichte von Kassandra und dem Klimawandel hat einiges für sich. Und wann gibt es schon mal eine moderne Oper, die sich mit solch drängenden Zeitfragen auseinander setzt? Aber diese „Cassandra“-Oper scheitert daran, dass sie zu viel will – inhaltlich und musikalisch zu heterogen ist.
Foccroulle setzt bei den Stimmen auf kantable Linien, die gut singbar sind – man fühlt sich etwas an Benjamin Britten erinnert – und die von den beiden Kassandras Katarina Bradic und Jessica Niles mit sehr ansprechenden Stimmen interpretiert werden. Sie retten letztlich den Abend, der ohne ihre Präsenz durchaus problematisch sein könnte. Sie waren auch schon bei der Uraufführung in Brüssel zu hören gewesen. Neu besetzt in Berlin ist Sandras Freund Blake mit Valdemar Villadsen, der stimmlich und darstellerisch recht blass bleibt und gegen die übrigen Akteure abfällt.
…und dann noch Bühnennebel
Signeyroles Regie in den Bildern von Fabien Teigné versucht durchaus geschickt die verschiedenen Handlungsebenen durch plakative Bildmotive wie Wabenkubusse (Bezug zu den Bienen), Wasser und Eis in echt und auf Video szenisch erfahrbar zu machen. Aber letztlich wird auch sie Opfer des inhaltlichen Allerleis. Wenn plötzlich ohne besonderen Grund auch noch Nebel über die Bühne wabert, ist das selten ein gutes Zeichen…
Eine starke Leistung bot Dirigentin Anja Bihlmaier, die erstmals am Pult der Staatskapelle stand und die verschiedenen Stilistiken klar konturiert, aber auch mit Verve und wo nötig Schmelz zu verlebendigen wusste. Auch sie war ein entscheidender Faktor dafür, dass die Premiere in der Lindenoper letztlich doch auf viel Zuspruch bei Publikum stieß. Tatsächlich ist das Ende, wenn beide Kassandras aufeinandertreffen und ihre Erfolglosigkeit gegenüber ihren ignoranten Mitmenschen beklagen einer der wirklich beeindruckenden Momente, ja der Höhepunkt des Abends.





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