Zum Tod von Kurt Masur

Er hat sich eingemischt

Kurt Masur Foto: Phonoakademie

Zum Tod von Kurt Masur

(20. Dezember 2015) Kurt Masur hat sich nie davor gescheut, Stellung zu beziehen, in musikalischen Fragen ebenso wenig wie in gesellschaftlichen, auch wenn er dabei auf Widerstände stieß. Gerade Widerstände reizten ihn. Schon zu Beginn seiner Karriere hatte Masur seine Hartnäckigkeit unter Beweis gestellt, als der junge Dirigent in musikalischen Grundsatzfragen selbst gegenüber seinem weltberühmten Chef, dem Leiter der komischen Oper Walter Felsenstein, unnachgiebig blieb. Schließlich führten die Auseinandersetzungen sogar zur Demission Masurs. Damit hat er sich allerdings in der in allen künstlerischen Belangen staatsgelenkten DDR für einige Zeit selbst kaltgestellt.

Sollte er nun in der DDR, in der er studiert und seine wichtigsten musikalischen Prägungen erhalten hatte, bleiben oder sollte er das Land verlassen?
Masur blieb und erzwang sich regelrecht die Erlaubnis, zu Gastdirigaten ins Ausland reisen zu können. 1967 bot ihm die Kulturführung der DDR schließlich den Chefdirigentenposten der Dresdner Philharmonie an, 1970 wurde Masur Nachfolger von Vaclav Neumann Gewandhauskapellmeister in Leipzig, ein Posten, den er bis 1997 inne hatte, also 27 Jahre. Am 28. September 2013 stand Kurt Masur zum letzten Mal am Pult des Gewandhausorchesters: beim Festkonzert anlässlich der Verleihung des Internationalen Mendelssohn-Preises der Stadt Leipzig dirigierte er Robert Schumanns 2. Sinfonie C-Dur op. 61.
Die erstmalige Präsentation aller Symphonien von Dmitri Schostakowitsch in der DDR einschließlich der systemkritischen Vierten und Dreizehnten Mitte der 70er Jahre war ein ebenso engagiertes und querständiges Unterfangen wie die Uraufführung von Alfred Schnittkes dritter Symphonie im Jahr 1981, die man sogar von sowjetischer Seite aus verhindern wollte.
Auch bei der friedlichen Revolution im Ostdeutschland des Jahres 1989 spielte Masur eine nicht unbedeutende Rolle. Nicht nur die Kirchen, auch das Leipziger Gewandhaus war damals ein Ort der Diskussion. Kurt Masur, Chefdirigent des Gewandhausorchesters, hatte die Pforten dafür öffnen lassen. Auch er hatte die Gefahr einer gewaltsamen Eskalation gespürt. Am 9. Oktober 1989 verfasste er zusammen mit dem Theologen Peter Zimmermann und anderen einen Aufruf zur Besonnenheit an die Parteiführung. Bei der abendlichen Demonstration griff er selbst zum Mikrophon:
„Unsere gemeinsame Sorge und Verantwortung haben uns heute zusammengeführt. Wir sind von der Entwicklung in unserer Stadt betroffen und suchen nach einer Lösung. Wir alle brauchen einen freien Meinungsaustausch über die Weiterführung des Sozialismus in unserem Land. Deshalb versprechen heute die Unterzeichneten allen Bürgern, ihre ganze Kraft und Autorität dafür einzusetzen, dass dieser Dialog nicht nur im Bezirk Leipzig, sondern auch mit unserer Regierung geführt wird. Wir bitten dringend um Besonnenheit, damit der friedliche Dialog möglich wird.“ (Zitiert aus Johannes Forners Biographie über Kurt Masur „Zeiten und Klänge“, Propyläen Verlag)
Danach dirigierte Masur ein Konzert im Gewandhaus mit zitternden Händen, wie er später bekannte. Denn noch war nicht klar, wie der Abend enden würde. Aber es blieb ruhig und kam zu keinen gewaltsamen Übergriffen. Ausgerechnet während einer Konzerttournee durch die Sowjetunion erfuhren Masur und seine Musiker am 18. Oktober vom Rücktritt Erich Honeckers.

Auch in den folgenden Wochen war das Gewandhaus, für dessen Errichtung Masur sich gegenüber der DDR-Führung stark gemacht hatte, ein Forum der Diskussionen, die so genannten Gewandhausgespräche, in denen darüber nachgedacht wurde, wie eine reformierte DDR aussehen könnte.
Das Engagement für die Gesellschaft, für die Menschen war für Kurt Masur immer auch ein zentraler Beweggrund in seiner Arbeit als Dirigent. Das war zu DDR-Zeiten so, als er sich nicht selten mit Parteifunktionären angelegt hat, um unliebsame Entscheidungen für sein Orchester und sein Publikum durchzusetzen, das war zur Wendezeit so und das war auch während seiner zehnjährigen Amtszeit bei den New Yorker Philharmonikern (1991-2002) so, als er unmittelbar nach dem 11. September ein Gedenkkonzert mit dem Requiem von Johannes Brahms aufs Programm setzte, um den Menschen Trost und Hoffnung zu vermitteln. Eine Geste, die ihm in New York viel Anerkennung und Sympathien eingebracht hat.
Vor allem mit dem romantischen und spätromantischen deutschen Repertoire machte sich Masur international einen Namen. Besonders setzte er sich für die Werke seines Vorgängers im Amt des Gewandhauskapellmeisters Felix Mendelssohn-Bartholdy ein. Aber auch zeitgenössische Werke nahmen immer eine wichtige Stellung in Masurs Programmen ein.
Nach seiner New Yorker Zeit wurde Masur Orchesterchef beim London Philharmonic Orchestra und beim Orchestre National de France in Paris.
Gestern ist Kurt Masur im Alter von 88 Jahren in Greenwich Connecticut gestorben.

Robert Jungwirth

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