Zubin Mehta

Eine häusliche Symphonie

Zubin Mehta Foto: Bayer. Staatsoper

Zubin Mehta kehrte nach 18 Jahren mit Strauss, Schubert und Webern zum Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks zurück

(München, 21. Januar 2010) Zubin Mehta zum Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks geholt zu haben, ist ein Coup, den sich Orchestermanager Stephan Gehmacher auf die Fahnen schreiben kann. Gehmacher kündigte bei Amtsantritt vergangene Saison an, neben regelmäßig wiederkehrenden Gastdirigenten wie Muti, Welser-Möst oder Salonen auch Mehta, Haitink und Ozawa wieder zum BR bringen zu wollen. Haitink wird im Februar zu hören sein, Ozawa musste sein ebenfalls für Februar geplantes Dirigat wegen einer Krebserkrankung absagen. Mehta kam nun in einer Saison zum BR, in der er die Münchner Philharmoniker, deren Ehrendirigent er immerhin ist, nicht ein einziges Mal dirigiert. Die Philharmoniker werden das wohl nicht so gerne sehen.
Zur Rückkehr hat sich der frühere Münchner Generalmusikdirektor ein Programm mitgebracht, das ihm Gelegenheit bot, eine seiner großen Stärken auszuspielen: die wohl abgerundete Wärme des Klangs auch bei größten Besetzungen.

Weberns Sechs Stücke für Orchester op. 6 sind ein Werk, in dem sich die Größe des Orchesterapparats umgekehrt proportional verhält zur Länge der Stücke: Das längste Stück umfasst gerade einmal knappe 41 Takte, die benötigte Besetzung sprengt jedoch fast die Bühne des Herkulessaals. Mehta ließ das Stück – fern dem Webern gern unterstellten kühlen Strukturalismus – aus romantischem Geist heraus musizieren, mit rundem Klang und dem Mut zur ausgesungenen Kantilene, wie sie Webern Solovioline und Solobratsche gönnt (sehr schön Anton Barachovsky und Hermann Menninghaus). Der Darbietung fehlte jedoch die Akkuratesse, die Weberns zarte Klanggespinste so dringend brauchen: Am Ende der einzelnen Stücke wackelte es eher, als dass ein gemeinsamer Schlusspunkt gefunden wurde: Das Orchester schien in Mehtas Al-fresco-Dirigat nicht all das zu entdecken, was es suchte.

Schuberts Unvollendete kommt mit kleinerer Besetzung aus, Mehta setzte aber auch hier auf eine recht üppige Streichergruppe. Das wiederum führte gerade im ersten Satz zu einer gewissen Behäbigkeit, die die schroffen Kontraste und herausgeschleuderten Sforzati abmilderte und in einen zwar sehr ästhetischen, aber doch auch recht pauschalen Klang integrierte. Schubert hat in diesen beiden im bittersüßen Dreiertakt pulsenden Sätzen mehr an Tiefe, Tragik und Trauer versteckt, als uns Mehta zumuten wollte.

Bei Richard Strauss‘ Symphonia Domestica – seine "häusliche Symphonie" – verhielt es sich gerade umgekehrt: Mehta machte aus dem Stück mehr, als es ist. Strauss verbirgt hier nichts unter der Oberfläche, er kehrt alles nach außen: Liebe, Sex, Alltag und Streit. Dass für dieses symphonische Familienportrait ein Riesenapparat mit acht Hörnern, vier Saxofonen, vier Trompeten und vielem mehr aufgeboten wird, ist fast eine Groteske. Mehta verhinderte jedoch jedes Abgleiten ins Exhibitionistische, er verlieh dem Stück zugleich Größe und Innigkeit. Die unter Maazel geschulten virtuosen Qualitäten der BR-Symphoniker und die von Jansons erarbeitete Klangpalette ergänzte Mehta um eine Eleganz, die die Qualitäten des Werks offenbarten. Am Ende zu Recht tosender Beifall.
Markus Schäfert

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