Wozeck-Wozzeck

Wir haben es geahnt: Der Mensch ist ein Abgrund

v.l.n.r.: Stefan Merki, Stefan Hunstein, Tobias Weber, Tobias Hagge, Marie Jung Foto: Julian Röder

Die Münchner Kammerspiele überblenden Büchners "Woyzeck" mit der Musik von Alban Bergs "Wozzeck"
(München, 8. Oktober 2012) Woyzeck hat den Tod seiner untreuen Geliebten unwiderruflich geplant. Doch im Werkraum der Münchner Kammerspiele nimmt er Marie in den Arm, trägt sie an den Rand der Bühne – ein großes Wasserbecken – und bettet sie zärtlich. Nach einer halben Minute fragt er sie nicht "Schläfst du?", sondern "Bist du schon tot?" Noch zweimal hebt Marie (Marie Jung) ungläubig lächelnd, wie sie das den ganzen Abend getan hatte, den Kopf, dann fällt ihr Arm ins Wasser. Woyzeck aber läuft apathisch von ihr weg und spielt im Wahn des Sich-Schuldig-Fühlens mit sich selbst die letzte Wirtshausszene. Kristof van Boven bleibt sich und uns anderthalb Stunden als eine Art Jedermann, der immer wieder in sich hineinhorcht und unvermittelt flüstert oder teilnahmslos schreit, seltsam nah und zugleich fremd – nicht zuletzt auch durch seinen ganz leichten, aber unüberhörbaren niederländischen Akzent.  
Georg Büchner konnte "Woyzeck", den er nach dem realen Fall eines Mords aus Eifersucht schrieb, vor seinem Tod 1837 nicht mehr vollenden. Vierzig Jahre später wurde das in verschiedenen Versionen überlieferte Drama in verstümmelter Fassung gedruckt, erst 1913 am Münchner Residenztheater uraufgeführt. Ein Jahr später sah Alban Berg eine Aufführung – ebenfalls mit Albert Steinrück in der Titelrolle – in Wien: Auslöser, seine Oper "Wozzeck" zu komponieren – so der Titel in der irrtümlichen Lesart des ersten Herausgebers.  
Die Kammerspiele wagten nun eine Fassung, die sich "Woyzeck/Wozzeck" nennt und großteils auf der gesprochenen Version beruht, aber in vielen Szenen Bergsche Musik verwendet – von Janek Duszynski geschickt für Bratsche (Tobias Weber), Celesta (Tatjana Zivanovic-Wegele) und Schlagwerk (Anno Kesting) eingerichtet. Wer sie gut kennt, hört den Zusammenhang der Oper mit und ist auf ganz eigene Weise berührt, so wenn die Szene mit dem Hauptmann (Stefan Merki) der Struktur der Bergschen Vertonung folgt. Mit Ausnahme von angedeuteten Volksliedern, wie sie bei Büchner UND Berg vorkommen, singt freilich keiner – außer dem Doktor (Tobias Haage). Das befremdet und verstört, denn so bekommt ausgerechnet der Peiniger Wozzecks, der ihn mit Experimenten so weit bringt, dass er halluziniert, eine außergewöhnlich sinnlich-musikalische Präsenz.
Trotzdem ist das konsequent, denn Regisseurin Barbara Wysocka (auch zusammen mit Teresa Vergho, die die Kostüme entwarf, für die Bühne verantwortlich) vermeidet in ihrer Inszenierung jede Identifikation, stellt quasi eine Fallstudie vor, in der die Protagonisten agieren wie vor Gericht oder in einer Laien-Theater-Aufführung. Brechtsche Verfremdung an allen Ecken, Andres (Oliver Mallison) und der Tambourmajor (Stefan Hunstein), wenden sich ans Publikum, sprechen in ein Mikro, übernehmen auch andere Rollen. Gerade der Wechsel von Szenen ohne Musik und solchen die, wenn auch skelettiert, viel von der Emotion und den Farben der Bergschen Musik transportieren, erzeugt große Spannung.  
Und immer ist das Wasser – wie auch in der aktuellen Version von Bergs Oper in der Regie von Andreas Kriegenburg am Nationaltheater – dominant. Aus ihm werden die Klappstühle gefischt für manche Szenen. Es wird für Woyzeck/Wozzeck zur Folter, aber auch zum Element, in dem er den Tambourmajor zwingen will, ihn zu ersticken. So entstehen bei aller Nicht-Identifikation doch Momente des Entsetzens im Publikum. Der Schluss bleibt offen. Die Musik deutet das große symphonische Zwischenspiel nach Wozzecks Tod an, in dem Berg seinen Protagonisten "erlöst". Auf der Bühne des Werkraums aber versammeln sich die Schauspieler zum Schlussapplaus nach einem Abend, der den Zuschauer und -hörer mit vielen Fragen betroffen zurücklässt.  
Klaus Kalchschmid 
(Weitere Aufführungen: 13. und 15. 10.; 13., 14., 17. Und 18. 11.)

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