Wilfried Hillers "Heilige Nacht"

Bayerisch-arabische Heilige Nacht

Wilfried Hiller Foto: Klaus Lipa

Das Münchner Orff Zentrum präsentierte Wilfried Hillers "Heilige Nacht" nach Ludwig Thoma und Bearbeitungen bayerischer Volksmusik
(München, 19. Dezember 2012) Ludwig Thomas "Heilige Nacht", diese in bayerischer Mundart verfasste Version der biblischen Weihnachtsgeschichte, hat eine erstaunliche Popularität erlangt. Erstaunlich, weil das, was der oberbayerische Schriftsteller 1917 niedergeschrieben hat, ja nichts wirklich Neues ist. Die Geschichte von der Geburt Jesu ist hinlänglich bekannt. Zum anderen dürfte das Extrem-Bayerisch dieses Textes heutzutage nicht mal mehr von vielen Münchnern verstanden werden. Was offenbar nichts macht, denn die Menschen freuen sich trotzdem an der herzlichen Derbheit der Sprache, zumal wenn sie so souverän und natürlich rezitiert wird wie von Beate Himmelstoss im Münchner Orff Zentrum. Aufgeführt wurde die musikalisierte "Weihnachtslegende" in der Version des Orff-Schülers Wilfried Hiller, der begleitend zum Sprechtext Stücke für sechs Männerstimmen, Zither und Harfe dazu komponierte.
Im Vordergrund steht bei Thoma die unerträgliche Erfahrung des Ausgestoßenseins von Maria und Josef, die Armut und die erniedrigende Suche nach einer Unterkunft einer Hochschwangeren und ihres vor Sorge verzweifelnden Mannes. Thoma schrieb gewissermaßen ein Sozialdramolett, das wie gemacht scheint für unsere von neu aufkommender Armut geprägten Gegenwart – neben obszön zur Schau gestelltem Reichtum. Das Spirituelle ist eher im Subtext enthalten. Und in Hillers wohldosierter Musik. Dabei kontrastiert die Herbheit der Sprache mit filigranen vokalen Gespinsten, zart begleitet von Harfe und Zither. Die Musik nähert sich damit stärker als der Text dem spirituellen Kern des weihnachtlichen Geschehens an, ohne aber je süßlich oder tümelnd zu wirken. Die sechs Herren, Sebastian Schäfer, Manuel Warwitz, Ludwig Thomas, Hubert Nettinger, Michael Mantaj und Klaus Schredl, z.T. Mitglieder der Singphoniker, sangen die vokalen Parts mit großer Sensibilität und klarem, wohltönendem Stimmklang. Natürlich hat Wilfried Hiller auch Referenzen an die Bayerische Volksmusik in seine "Heilige Nacht" nach Thoma hineinkomponiert, aber eher dezent. Genauso stark sind die Einflüsse aus der Vokalmusik der Renaissance, die sanft in eine zeitgenössische Modernität übertragen werden. Gegen Ende des Stücks sind sogar Anklänge an arabische Musiken zu hören – als Zeichen für die Rückverortung des Geschehens in den ursprünglichen Kulturkreis.
Einleitend dazu war passenderweise von Carl Orff und Kurt Huber gesammelte Volksmusik aus dem "bajuvarischen Raum" in Arrangements des Zitherexperten und -Dozenten Georg Glasl und der Harfeinistin Irmgard Gorzawski zu hören – ebenfalls eher dezent feingliedrig als derb krachledern. Wie meinte doch Hiller in dem das Konzert ergänzenden Podiumsgespräch – er schätze an der bayerischen Volksmusik vor allem ihren Sinn für Ruhe. Fragt sich nur, was da eigentlich immer aus den Radioapparaten und Fernsehern plärrt, wenn "Volksmusik" angekündigt wird…
Robert Jungwirth

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