Wien Walküre 2-12-2007

Verhagelter Walküren-Start

Die Walküren in Wien. Bild: Staatsoper/Zeilinger

Die Wiener Staatsoper beginnt  mit der „Walküre“ in der Regie des Burgschauspielers Sven-Eric Bechtolf und unter der musikalischen Leitung von Franz Welser-Möst einen neuen „Ring“ – die Alternative zum Regietheater ist das nicht.
(Wien, 2. Dezember 2007) Gleich zu Beginn der „Walküre“ am Abend des 2. Dezember in der Wiener Staatsoper legte Franz Welser-Möst, der künftige Musikdirektor jenes Hauses, ein furioses Tempo vor. Dringlich, zugespitzt und über weite Strecken mitreißend klang das, dabei durchsichtig und schlank. Welser-Möst hat hörbar am Detail gearbeitet, setzt auf Deutlichkeit und kammermusikalische Transparenz. Dabei lässt er sich auch von historischen Erkenntnissen über Tempo und Orchesterklang leiten. Die vergleichsweise schnellen Tempi, die Wagner selbst vorgeschwebt haben, sind dokumentiert: In Bayreuth wurde über die genaue Länge der Akte unter allen Dirigenten seit des Meisters Zeiten penibel Buch geführt. Die Wiener Philharmoniker vibrieren, ebenfalls in Wagners Sinn, nur sparsam, was den Soli der Holzbläser nichts von ihrer Ausdruckskraft nimmt – im Gegenteil. In dieser „Walküre“ gibt es also keinen saucigen Schönklang, statt dessen Drive und Intensität.´
 
Kapellmeisterliche Tugenden würde Welser-Möst ohnehin niemand absprechen: dass er klug disponiert, die Sänger nicht zudeckt, auf gute Textverständlichkeit achtet. Doch er kann mehr. Das Image des zuverlässigen, aber braven Klangverwalters, das ihm seit seiner glücklosen Zeit in London so hartnäckig anhaftet, hat er an diesem Abend jedenfalls mit Nachdruck widerlegt. Gewiss, Franz Welser-Möst ist kein Ekstatiker, keiner, der die Emotion hemmungslos strömen lässt. Einen klaren Kopf bewahrt er unter allen Umständen. Doch Nüchternheit und Inspiration schließen sich eben keineswegs aus.

Fürs Strömen der Emotionen sorgte im ersten Akt das Liebespaar. Nina Stemme war eine überragende Sieglinde mit müheloser Durchschlagskraft, expressiv und jugendlich-strahlend. Und Johan Botha hat alles, was ein Siegmund braucht: heldische Wucht mit nie versiegenden Kraftreserven und einer gehörigen Portion Metall in der Stimme, wenn es um sein Schwert geht; lyrische Innigkeit, wenn er von Lenz und Liebe singt. So blieben zunächst musikalisch kaum Wünsche offen, zumal Ain Anger als Hunding absolut rollenfüllend sang. Als konzertante Aufführung würde dieser erste Akt in denkbar guter Erinnerung bleiben.

Wenig Einfälle, steife Personen

Johan Botha ist ein Berg von einem Mann, und sicher gibt es schauspielerisch begabtere Heldentenöre. Aber muss er gar so täppisch agieren? Regisseur Sven Eric Bechtolf hatte sich vorgenommen, ohne alle Gags auszukommen: keine Aktualisierung, keine Abendgarderobe, keine Aktentasche. Das deutsche Regietheater, so hatte Franz Welser-Möst vorab verlauten lassen, befinde sich in einer Sackgasse; Sven Eric Bechtolf, sein Wunschregisseur, werde eine Alternative dazu aufzeigen. Zu sehen gibt es einigermaßen archaische Kostüme, wenig Requisiten, wenig Aktion, wenig Einfälle. Hundings Hütte sieht geradezu klassizistisch aus, die Personen bleiben seltsam steif. Von der Grenzen sprengenden Dynamik der inzestuösen Liebe zwischen den Zwillingsgeschwistern ist nichts zu spüren. Im zweiten Akt stehen metallene Kinderbetten zwischen stilisierten Baumstämmen herum. Gelegentlich wird mit Puppen hantiert. Eine vage Andeutung von Psychologie, nach dem Motto: die Kindheit ist ja so wichtig. Dekorativ dann die übergroßen realistischen Pferdefiguren, die den Walkürenritt im dritten Akt bebildern. Den Feuerzauber besorgt eine Videoprojektion, die flackernden Flammen sehen recht hübsch aus.

Auf Mythos und Traum hat Sven Eric Bechtolf setzen wollen – dagegen ist nichts einzuwenden. Doch weil er originäre Bild-Phantasie vermissen lässt, weil er außerdem die Sänger quälend lange herumstehen und kaum interagieren lässt, ist eine ziemlich matte Sache herausgekommen. Wenn man sich schon das Ideendrama entgehen lässt, das der „Ring“ ja auch ist, wenn dazu auch noch alle politischen Konstellationen links liegen gelassen werden, die sich während der Entstehungszeit und der Rezeptionsgeschichte in Wagners Werk sedimentiert haben – dann müsste wenigstens etwas von seiner unerhörten psychologischen Vielschichtigkeit sichtbar werden. Natürlich beeinträchtigt der szenische Leerlauf auf Dauer auch die musikalische Wirkung: Als Musikdrama im umfassenden Sinn, auf den es Wagner so sehr ankam, ist diese Wiener „Walküre“ an Bechtolfs blutleerer Regie gescheitert.
 
In Wien essen Wotane Pizza

Quälend wurde es im zweiten Akt dann leider auch in musikalischer Hinsicht, denn Juha Uusitalo als Wotan war stimmlich indisponiert. Uusitalo, der in München einen hervorragenden Fliegenden Holländer gesungen hat und auch als Wotan schon an wichtigen Bühnen Erfolge feiern konnte, begann mit voller Stimmkraft. Schon bald jedoch klang es belegt, der Göttervater wurde immer leiser, hustete zwischendrin und verabschiedete sich kurz vor Schluss des zweiten Aktes völlig: Wotan schweigt. Eine „Walküre“, in der man den wichtigsten Protagonisten kaum hört, ist eine Anfechtung fürs Publikum und ganz sicher das Fegefeuer für den betroffenen Sänger. Also trat Staatsoperndirektor Ioan Holender vor dem dritten Akt auf die Bühne, um das empörte Publikum zu besänftigen: Auch Sänger seien eben nur Menschen – und zum Glück haben die meisten von ihnen ein Handy. So konnte der Wotan-erfahrene Bassbariton Oskar Hillebrandt angerufen werden, der gerade dabei war, sich auf einem Bahnhof eine Pizza zu kaufen, dann jedoch schnurstracks in die Staatsoper fuhr und den Abend einigermaßen rettete. Hillebrandt sang passabel neben der Bühne stehend, Uusitalo spielte stumm – was die Schwächen der Regie nur um so erbarmungsloser sichtbar machte.

Verständlicherweise wirkte sich dieses Missgeschick nicht gerade positiv auf die Konzentration der Wiener Philharmoniker aus. Das Blech war allerdings schon im ersten Akt nicht über jeden Zweifel erhaben. Und Eva Johansson sang zwar stimmschön, war aber dem Rollenprofil der Brünnhilde nicht gewachsen: Zu leicht ist ihr heller Sopran. Immerhin: Den Dirigenten und das Wälsungenpaar durften die Wiener Opernfans an diesem verhagelten Abend verdientermaßen und ausgiebig feiern.
Bernhard Neuhoff

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