Usedomer Musikfestival

Friedenskonzert in Rüstungsfabrik

Gidon Kremer Foto: Geert Maciejewski

Das Usedomer Musikfestival ist eines der interessantesten Musikfestivals in Deutschland – etwas abgelegen, dafür in reizvoller Umgebung der traditionsreichen Seebäder Heringsdorf, Bansin, Ahlbeck und Zinnowitz
Von Robert Jungwirth
(Usedom, 24.-27. September 2016) Prominenter und spektakulärer kann man ein Festival kaum eröffnen: Die Kremerata Baltica, Gidon Kremers Orchester mit Musikern aus den baltischen Ländern, und das Baltic Sea Philharmonic, gegründet und geleitet von Kristjan Järvi, treten gemeinsam auf und spielen unter anderem Mieczysław Weinbergs Violinkonzert – mit Kremer als Solist. Ein Werk, das 1959 noch ganz im Eindruck der Schrecknisse des Zweiten Weltkriegs entstanden ist, den der polnische Jude Weinberg mit Mühe überlebt hat. Erst 2014 wurde das Konzert, das in seiner Klangsprache sehr an Schostakowitsch erinnert, erstmals in Deutschland aufgeführt. Gidon Kremer fühlt sich ihm in besonderer Weise verpflichtet, was seine tiefgründige Interpretation der stillen Klage im zweiten Satz und der dramatischen Unruhe des ersten eindrücklich unter Beweis stellt. Järvi und das Baltic Sea Philharmonic waren ihm dabei engagierte Partner.
Kristjan Järvi geht es mit dem von ihm 2015 gegründeten Baltic Sea Philharmonic, das aus dem Baltic Sea Youth Philharmonic hervorging, um mehr als nur darum, mit Musikern aus den baltischen Ländern spannende Programme und Konzerte zu gestalten. Er verbindet mit dem Orchester, wie er sagt, auch eine politische Mission: ein Statement für Frieden und Freiheit in den baltischen Ländern und ein Statement für die sensible Ökologie des Lebensraums Ostsee.
Der Friedensgedanke war beim Eröffnungskonzert in Peenemünde besonders evident, fand das Konzert doch in der früheren Kraftwerkshalle statt, in der die Nazis Zwangsarbeiter während des Zweiten Weltkriegs an der vermeintlichen Wunderwaffe V2 arbeiten ließen. An diesem Ort wird Kultur zwangsläufig zu einem politischen Statement. Heute ist das Gelände ein Museum, das einen Spagat zwischen Technikerklärung und Kriegsaufarbeitung vollziehen muss.
Thematisch ist das Usedomer Musikfestival in diesem Jahr eigentlich auf Schweden fokussiert. Der Nachbar hat auf der Insel mehrfach Spuren hinterlassen, im 17. Jahrhundert gehörte Pommern sogar zum Königreich Schweden. So stellte ein Konzert des NDR-Chors unter dem Titel „Bach in Schweden“ in der wunderbar am Wasser gelegenen alten Kirche von Krummin Musik des Thomas-Kantors Werken des zeitgenössischen schwedischen Komponisten Sven-David Sandström gegenüber, der in diesen wiederum auf Bach Bezug nimmt. Etwa in der Motette „Fürchte dich nicht“ für gemischten Chor, die den von Bach verwendeten Text zur Grundlage hat.
Sandström stellt in seinen Motetten aus den Jahren 2003 bis 2008 eine eindringliche Musiksprache vor, die bei aller Modernität auch immer wieder als Reverenz an Bach wahrnehmbar ist – sehr plastisch und differenziert vom NDR-Chor unter seinem Leiter Philipp Ahmann gesungen.
Und weil Schwedens ehemalige Königin Christina auch Herzogin von Pommern und damit von Usedom war und nach ihrer Abdankung im 17. Jh. in Rom Komponisten wie Alessandro Scarlatti oder Arcangelo Corelli förderte, gab es während der Eröffnungstage des Usedomer Musikfestivals auch Barockes in der holzverkleideten Kirche von Zinnowittz mit dem hervorragenden italienischen Ensemble „Il pomo d’oro“ und der schwedischen Mezzosopranistin Ann Hallenberg zu hören. Zum Beispiel die Hochleistungs-Furienarie „Mi paventi il figlio indegno“ aus Carl Heinrich Grauns Oper „Britannico“, die die Rache-Arie der Königin der Nacht durchaus in den Schatten stellt. Ann Hallenberg geht die abwegigsten Verzierungen mit der größten Selbstverständlichkeit und Leichtigkeit an und demonstriert nicht nur eine atemberaubende Virtuosität, sondern auch ein raumfüllendes, in allen Registern gleichermaßen klangvolles Timbre. Nur schwierig, aber ohne jeglichen musikalischen Ertrag dagegen wirkte die Arie „Non ho piu vele“ aus „Agrippina“ von Giovanni Sammartini. Hier konnte man hören, dass auch in der Barock-Musik nicht alles Gold ist, was glänzt und manches nicht viel mehr als  schnell produzierte musikalische Massenware darstellt.
Noch bis zum 14. Oktober präsentiert das Festival auf Usedom Konzerte an verschiedenen Orten der Ostseeinsel, unter anderem mit der Akademie für Alte Musik Berlin, dem Cellisten David Geringas und dem Pianisten Michael Korstik, dem Eric Ericson Kammerchor aus Schweden, einer Matinee zum Thema „Ingmar Bergmann und die Musik“ oder der NDR Elbphilharmonie unter Thomas Hengelbrock..
Weitere Infos unter: www.usedomer-musikfestival.de



Münchner Philharmoniker


0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.