Uraufführung von Alice in Wonderland von Unsuk Chin an der Bayerischen Staatsoper München

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Alice im bunten Bilderland

Sally Matthews als doppelte Alice Foto: Wilfried Hösl / Bayer. Staatsoper

Uraufführung von Unsuk Chins Oper „Alice in Wonderland“ zur Eröffnung der Münchner Opernfestspiele
(München, 30. Juni 2007) Es war ein großartiges Comeback der legendären Wagner-Sängerin Gwyneth Jones. Inmitten eines exzellenten Ensembles machte sie den zweiten Teil der Festspiel-Uraufführung von Unsuk Chins „Alice in Wonderland“ am Münchner Nationaltheater zum Ereignis. Denn Dame Gwyneth setzte die Spitzentöne der grausamen „Queen of Hearts“ mit einer solchen Strahlkraft und intonatorischen Präzision, als sei die Zeit stehengeblieben.
Bis zu der von ihr und ihrem Herzkönig (nicht minder großartig: Steven Humes) dominierten, furiosen Krocketspiel-Szene verging die schwächere Hälfte des knapp zweistündigen Abends. Unsuk Chins Musik blieb bis dahin trotz aller handwerklichen Qualität illustrative Schauspiel- und Filmmusik. Sei es in der berühmten Szene, wenn ein Kaninchen der Zeit hinterherrennt und die Musik wie in einer Klavier-Etüde zu laufen beginnt, oder in der häufigen Verwendung des schlichtesten Mittels zur Erzeugung dramatischen Ausdrucks, des Tremolos.
In solchen Stellen mag man nicht daran denken, welche Musik György Ligeti, der Lehrer Unsuk Chins, für seine geplante „Alice“-Oper geschrieben hätte. Wohl kaum die veritable Sturmmusik, mit der die koreanische Komponistin die Mißhandlung eines Babies und seine Verwandlung in ein Schwein begleitet; oder wie sich nach Pfeifen, Trillern und Klingeln zum Auftritt von Fisch- und Frosch-Lakai Siegfrieds Drache unverhohlen in der Tiefe suhlt. Das Baßklarinetten-Solo der Raupe nimmt Bezug auf das Glissando des Beginns von Gershwins „Rhapsody in Blue“ und als Perpetuum mobile rauscht der Beginn der „Mad Tea-Part“, des Verrückten Fünf-Uhr-Tees, vorbei, bevor der Pausen-Schnitt in die eigentlich als Einakter konzipierte Oper erfolgt.
Der zweite Teil hat die weitaus dramatischeren, opernhafteren suggestiver komponierten Szenen. Und auch Regisseur und Ausstatter Achim Freyer inszeniert das Spiel auf steiler Schräge – mal Buch, mal Brettspiel und vieles andere mehr assoziierend – mit an Seilen hängenden, halb laufenden, halb schwebenden Tänzern und Artisten zunehmend farbiger und packender.
Der bombastische Auftritt von Dame Gwyneth als Herz-Königin ist erklärtes „Turandot“-Zitat, wie Chun überhaupt eine Meisterin der feinen tönenden Reminiszenzen ist und ihre Musik manchmal wie die virtuose Übermalung alter Partituren klingt: von Strawinskys Neoklassizismus und seinem „Sacre“ ebenso beeinflusst wie von Enrico Morricones gefährlich todesschwangerem Beginn des Films „Spiel mir das Lied vom Tod“, wenn die „Falsche Schildkrötensuppe“ in einem täuschend ähnlichen Mundharmonika-Solo zu stammeln beginnt.
Achim Freyers ebenso strenge wie farbig wuchernde Bilderwelten, in der Masken verschiedenster Größe und Leuchtkraft zum Einsatz kommen, drängen den Wortwitz des Originals trotz Übertitelung allerdings zurück und die Sänger müssen fast allesamt als Brustbilder mit identischen, graumelierten Lockenperücken an der Rampe agieren, während sie auf der Spielfläche gedoubelt werden.
Umso beeindruckender ist die Schlussszene, in der sich Alice in einem öden Garten wiederfindet, den die Blumensamen eines unsichtbaren Mannes zum Blühen bringen, während der dissonant sich aufbauende Schlussakkord zum hellen Leuchten der Pflanzen sich als so schrecklich schön erweist wie ein akustischer Atompilz.
Sally Matthews darf hier endlich die Maske absetzen und zu einer virtuosen Arie ansetzen. Das gelingt ihr ebenso großartig, wie auch der Countertenor Andrew Watts und der Bariton Dietrich Henschel ihre vielfältigen Aufgaben bravourös meistern. Das Staatsorchester spielt unter Kent Nagano mit feinsten Farbmischungen von Streichern und Holzbläsern, aber auch leuchtend und eminent präzise in den Attacken von Schlagwerk und Blechbläsern.
Klaus Kalchschmid

Gwyneth Jones als Queen of Hearts Foto: Wilfried Hösl

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