Tokyo String Quartet Ludwigshafen

Das legendäre Tokyo String Quartet nimmt Abschied

Kazuhide Isomura, Martin Beaver, Kikuei Ikeda, Clive Greensmith – das Tokyo String Quartet und die Komponistin Lera Auerbach (Mitte) Foto: BASF Kultur

Bei seiner Abschiedstournee faszinierte das Tokyo String Quartet sein Publikum in Ludwigshafen
Bei seiner Abschiedstournee faszinierte das Tokyo String Quartet sein Publikum in Ludwigshafen (Ludwigshafen, Anfang Dezember 2012) Es gibt Streichquartette, die sich immer wieder häuten. Das Budapester Quartett endete mit vier Russen. Das Tokyo String Quartet hat auch einige Besetzungsänderungen überlebt. Gegründet wurde es von vier jungen Japanern, die an der Toho-Musikhochschule in Tokyo ihren Abschluss gemacht hatten und sich in New York den Traum vom Streichquartettspielen verwirklichten. Bis auf den heutigen Tag hat das Quartett seinen Sitz in der 92nd Straße. Aber im nächsten Jahr wird gekündigt. Das Tokyo String Quartet ist auf seiner Abschiedstournee. Im BASF-Feierabendhaus fand eines der raren Deutschlandkonzerte statt, und ein letztes in Auftrag gegebenes Streichquartett wurde zur deutschen Erstaufführung gebracht.
"Farewell" – Lebewohl, hat Lera Auerbach ihr neuestes Streichquartett getauft. Es ist ihr sechstes. Jedes ist von einem berühmten Streichquartett auch uraufgeführt worden. Das Tokyostreichquartett hat ihr zweites Streichquartett "Primera Luz" 2006 in Madrid uraufgeführt. Ihre Streichquartette tragen Titel. Lera Auerbach hat sie meist nachträglich hinzu gefügt. Als Vorstellungshilfen für die Zuhörer, die sie aber nicht gern weiter kommentiert. Bei diesem Quartett war das anders. Als sie erfuhr, dass es die letzte Auftragskomposition sein würde, beschloss sie, sich mit der Frage des Abschieds musikalisch auseinander zu setzen.
Dem Tokyo String Quartet fühlt sie sich verbunden, nicht nur des gemeinsamen Wohnsitzes wegen – die aus dem Ural stammende Komponistin lebt seit ihrem 16. Lebensjahr in New York. Seit Jahren haben sich die Musiker und sie auf denselben Festivals getroffen. Der erste Geiger und der Cellist haben an der Entstehung weiterer Kammermusikstücke mitgearbeitet. Vor kurzem erst hatten sie mitgeholfen, ihr zweites Klaviertrio uraufzuführen. Eine künstlerische Freundschaft ist über die Jahre gewachsen, die sie jetzt mit einer hochemotionalen Musik erwiderte.
Im Aufruhr startet der Prolog: Hammerschlag-ähnlich repetierte Akkorde der ersten Violine. Nach kurzer Zeit stemmen sich ostentativ schwere Liegetöne der anderen dagegen, so, als versuchten sie die Schläge abzufangen. Einige im Publikum des hellstrahlenden, gerade frisch renovierten großen Saal im BASF Feierabendhaus schluckten irritiert, denn das Quartett startete mit Lera Auerbach in den Abend. Es folgen trotzige Gesten, eine kurze Phrase im Unisono mit Akzentpausen wird mehrmals wiederholt. Dann schwebt eine zaghafte Melodie durch den Raum, begleitet von gezupften Tönen, später von "sul ponticello" – ganz nah am Steg – gestrichenen, geisterhaften Klangsphären. Es pfeift. Es zupft, es singt, es schreit. Und immer wieder klagende auf und absteigende Halbtöne. Der zweite Satz beginnt im Durcheinander. In alle Richtungen fliegen die Instrumente auseinander, um sich plötzlich in c-Moll zu treffen. Lähmend bleibt die Bewegung im Pianissimo stehen, trifft geradezu ins Herz.
Lera Auerbach arbeitet in ihrem sechsten Streichquartett mit emotionalen Gegensätzen, mit klanglichen Extremen, die sie einem Streichquartett abverlangt, das mühelos alle erdenklichen Gefühlsregister ziehen kann. Prolog und Epilog heißen die beiden Sätze – die Mitte, die der Prolog ankündigten und der Epilog abschließen sollte – fehlt. Wobei man nicht wirklich etwas vermisst, nach über 25 Minuten dauernden Wechselbädern, in der jedes Instrument solistisch in entlegenen Registern und in immer neuen Koalitionen hörbar wird, und das Ende einmal choralähnlich beschworen wird.Was vier Individuen, die mehr Zeit zusammen als mit ihren Familien verbringen über die Jahre antreibt, ist und bleibt Spekulation. In Felix Mendelssohns Streichquartett op. 44, Nr. 2 werfen sich die vier elegant die Bälle zu. Einige Male leisten sie sich ein "Leiser werden" bis ins Unhörbare. Eine solche inniglich empfundene Übereinkunft macht jahrzehntelange Arbeit möglich. Über die elegante Virtuosität jedes einzelnen Spielers braucht man da gar nicht mehr zu reden. Das Tokyo Streichquartett zeichnet eine Streichkultur aus, die unprätentiös und nie aufdringlich große Momente produziert.
Nur noch zur Hälfte besteht das Quartett aus Japanern. Kazuhide Isomura, der fürs Quartett die Violine an den Nagel gehängt und zur Bratsche gegriffen hat, ist von Anfang an dabei. Kikuei Ikeda steigt nach fünf Jahren für Yoshiko Nakura ein, die einzige Frau, die je im Quartett mitgespielt hat. Bei der Gründung in New York hätte sie die drei Kollegen unterstützt, so Kazuhide Isomura. An der Juilliardschool haben drei junge Streichquartettbegeiste Japaner sie kennen gelernt. Da die zweite Geige noch gefehlt habe und Nakura auch an der Toho-Musikhochschule abgeschlossen hatte, war sie die Richtige. Bereits verlobt, habe sie ihre Pläne für das Quartett verschoben und war beim legendären ARD Wettbewerb 1970 dabei gewesen und auch bei den ersten Aufnahmen, die die jungen Japaner sofort in die oberste Liga katapultierten.
Clive Greensmith, Violoncello und Martin Beaver, der Primarius, sind heute die jüngsten Mitglieder. Sie sind die "Westler". So werden sie von der japanischen Hälfte genannt. Ob es nicht eigenartig gewesen sei, in ein japanisches Streichquartett einzusteigen, dass in den USA lebt, um – zumeist – europäisches Repertoire zu spielen? Schwierig sei am Anfang der Generationsunterschied gewesen. Martin Beaver und Clive Greensmith sind 20 Jahre jünger. Immerhin haben sie japanische Frauen. Daher sei ihnen die Kultur nicht ganz fremd gewesen, erzählt Martin Beaver, und er schmunzelt heute darüber, dass man nach der ersten Probe mit ihm Sushi-Essen gegangen sei. Den Test hätte er bestanden.Natürlich sind die vier Spieler Individuen mit Persönlichkeit und individuellen Charakteren. Diese Persönlichkeiten zu einer Tokyo-Quartett-Persönlichkeit zu machen und einen einheitlichen Tokyo-Quartett-Klang ohne Schau und Mätzchen zu kreieren, gelingt auch nach 43 Jahren mühelos. "Es sei eine Schande und geradezu tragisch, dass sie sich auflösen", sagt ein Mann neben mir. Er habe sie schon ganz früh gehört, noch in der ersten Besetzung. Und schon damals beeindruckten die vier jungen Japaner mit einer stupenden Technik, mit der sie das auszudrücken vermochten, was sie ausdrücken wollten.
Und die Instrumentenmäzene waren dem Tokyo Quartet immer gut gesinnt. Bereits 1974 stellte ihnen die Corcoran Gallery vier Amatis zur Verfügung. 1994 dann die Nippon Music Fondation das legendäre Stardivarius-Quartett. Vier der wertvollsten Stradivarigeigen, um einiges brillanter als die Amati-Geigen. Paganini soll sie besessen haben. Die "Comte Cozio di Salabue", 1727 erbaut. Das Gründungsmitglied Kazuhide Isomura hält vielleicht das wertvollste Instrument in Händen. Eine der raren Bratschen, die Stradivari 1731 mit 86 Jahren gebaut hat. Ihr Klang hatte Paganini bewogen, bei Hector Berlioz das Bratschenkonzert "Harold in Italien" zu bestellen. Nach dem letzten Tourneekonzert müssen alle Instrumente zurück gegeben werden. Nach dem 6. Juni 2013, wenn das Tokyo Quartet auf dem Norfolk Chamber Music Festival, Connecticut, sein letztes Konzert gegeben hat, dort, wo das Streichquartett seit Mitte der 1970er Jahre regelmäßig unterrichtet. "Ja, traurig sei das schon. Aber sie seien mit den Instrumenten doch nicht verheiratet. Das seien eher Freundinnen, gesund, sie zurück zu geben!" Kazuhide Isomura kichert. Er hofft allerdings, dass ein junges Streichquartett sie erhält. Namen nennt er keine. Da will er nicht vorweg greifen.
Ein japanisches Streichquartett wird es keines Falls sein. Obwohl das Tokyo String Quartet mindesten zwei Mal pro Jahr in Japan aufgetreten sei, hätten sich keine Nachahmer gefunden. In Japan kann ein professionelles Streichquartett immer noch nicht überleben. Aber auch das Tokyo String Quartet ist nicht unsterblich. "Sie können doch nicht für immer Quartett spielen", sagt der Nestor. "Er habe genug getan, und vor allem, immer ein Musiker auf Reisen zu sein, das sei schon sehr anstrengend." Kurz nach seiner Entscheidung zog Kikuei Ikeda nach, der Zweitälteste. Er wolle das Streichquartett zum selben Zeitpunkt verlassen. Die westliche Hälfte hoffte zunächst weiter machen zu können. Mit sehr vielen Musikern habe man geprobt. Mit einigen hätte man es sich durchaus vorstellen können. Aber die Bedeutung des Tokyo Streichquartetts limitierte die Suche. Jeder würde erwarten, dass auch japanische Musiker dabei wären, um den Namen zu rechtfertigen, so Martin Beaver. Ohne die wegfallenden älteren japanischen Kollegen würde es zudem schwer sein, die Philosophie, das Gefühl, und die Essenz des Tokyo Quartetts als Nicht-Japaner aufrecht zu halten. Dann flogen verlockende Unterrichtsangebote ins Haus. Clive und Martin wurde die Leitung das Kammermusikdepartments am Colburn Institut in Los Angeles angeboten, eine Art Curtis-Institut der Westküste. Und auch Ikeda und Isomura werden dort ihre bis auf den heutigen Tag ungebrochene Begeisterung für das Quartettrepertoire und ihre immense Erfahrung weitergeben. Und vielleicht auch hier und da ein Konzert spielen. Das Lampenfieber, so Kazuhide Isomura, sei auch durch die Routine nie verschwunden.
Béla Bartóks sechstes Streichquartett, das letzte Werk in diesem Konzert, beginnt ja mit einem großen Bratschensolo. Alle sechs Streichquartette von Bartók hat das Tokyo String Quartet schon früh aufgenommen und immer wieder im Konzert gespielt. "Weil es einige Übereinstimmungen zwischen der ungarischen und alten japanischen Musik gibt", glaubt Isomura, vor allem in den langsamen Sätzen. "Kennen Sie den langsamen aus dem vierten Quartett, wo das Violoncello mit unglaublich innerer Spannung und Ernsthaftigkeit singt?" Und Kazuhide Isomura schließt die Augen und summt.
Sabine Weber

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