Titus Köln

Titus im Gericht

Franziska Gottwald (Sesto), Adriana Bastidas Gamboa (Annio) und Adina Aaron (Vitellia) Foto: Paul Leclaire

Uwe Eric Laufenberg inszeniert "La clemenza di Tito" von Mozart im Oberlandesgericht Köln

(Köln, 9. Oktober2011) Das Justizgebäude am Reichenspergerplatz in Köln ist im wirklichen Leben leider nicht die Anlaufstelle für Gnadengesuche. Die Gnadenstelle befindet sich beim Landgericht in der Luxemburgerstraße. Aber für die Gnade, die der römische Kaiser Tito in Wolfgang Amadeus Mozarts Opernfinale gewährt, indem er einer Intrige und einem Mordanschlag auf seine Person entwaffnende Milde entgegensetzt, hätte es keine bessere Kulisse als die Prunktreppe in der illustren Eingangshalle geben können. Das war wohl auch die Meinung des frenetisch applaudierenden Publikums am Premierenabend.

Spätestens als Tito (Rainer Trost) in seinem marmorbeigen – mit dem Farbton der Treppe abgestimmten und bis zu den Knöchel reichendem Kaisermantel zu Trompetenschall und Marschmusik die Treppe herab schritt, hat sich das Publikum zum Plebs verwandelt. Blickte, so schien es, auf den Treppengang am Kapitolinischen Hügel – in Rom. Auch wenn immer mal wieder Gerichtshelfer aus dem hier und jetzt mit Akten und Aktentaschen – zur Ouvertüre beispielsweise – aus den Gängen zu und über die Marmornen Stufen huschten. Oder Sesto (Franziska Gottwald) im blauen Anzug erst mit blutroten Rosen und dann mit einem Mini-Klappmesser hantierte, von seiner Geliebten Vitellia (Adina Aaron) als Diva im hochgeschlitzten schwarzen Samtkleid aufgestachelt. Servilia(Anna Palimina) tippelte im Blümchen-Trenchcoat mädchenhaft die Treppe hoch, und der kaiserliche Gehilfe Publio (Marias Tosi) im silbergrauen Anzug wäre fasteinmal die Treppe heruntergepurzelt, als der Chef hinter ihm her wütete. (Kostüme: Antje Sterenberg)

In Mozarts letzter Oper geht es um Menschen und um Obsessionen, die glänzende Aufstiege und jähe Abstürze nach sich ziehen. Atemberaubend, wie Mozart die menschlichen Kettenreaktionen in den Solistennummern musikalisch anheizt. Kurz: Sesto will mit Vitellia, Vitellia will mit Tito, Tito will mit Servilia, Servilia will mit Annio, und als das aufgezeigt ist kommt der springende Punkt. Tito dreht die Vorzeichen um, und die Probleme gehen los. Tito verzichtet auf Servilia, will jetzt Vitellia heiraten, die längst beleidigt wegen der Zurückweisung den hörigen Sesto auf Tito gehetzt hat. Obwohl Sesto ein persönlicher Freund des Kaisers ist, zettelt er einen Aufstand an, sticht sogar zu, trifft aber den Falschen. Das Kapitol geht in Flammen auf (hinter der Prunktreppe leuchtet es gelbrot auf und Trockeneis wabert). Eskalation, Zu- und Abwendung, Angriff und Abwehr, verwandelt der Kölner Intendant und Regisseur Uwe Eric Laufenberg in ein szenisches Treppauf- Treppab, mit Fluchtwegen, Begegnungs- und Kollisionspunkte. Es gibt ja auch noch die beiden Seitentreppen, die auf der Haupttreppe auf einem Absatzzusammenlaufen.

Der Lautenist Konrad Junghänel, ein Spezialist für historische Aufführungspraxis,ist längst ein bekanntes Dirigentengesicht vor Opernhäuserorchestern. In Düsseldorf hat er zwei Rameau-Opern geleitet, in Stuttgart Mozarts Lucio Silla, in Saarbrücken Händels Agrippina, und in Köln Mozarts Entführung aus dem Serail. Er ist auch für diese Spezialaufgabe der richtige Mann. Er hat ein abgespecktes Gürzenichorchester an die überakustischen Verhältnisse im Oberlandesgericht perfekt angepasst. Das Orchester sitzt unsichtbar auf dem Balkon über dem Haupttreppen-Zenit. Mit ungeheurer Verve und Schwung schallt Mozarts Musik durchs Treppenhaus. Und ein ganz besonderer Moment gelingt in der berühmten Klarinettenarie "Parto, ma tu ben mio". Der Klarinettist Robert Oberaigner steht beim singenden Sesto (hier stimmlich hinreißend die Mezzosopranistin Gottwald) und bewegt sich virtuos und schmeichelnd blasend mit in der Treppenszene. In dem Rondo mit Bassetthorn "Non più di fiori" – in dem Vitellia mal nicht wütet, sondern um den gefassten Attentäter Sesto bangt, steht der Soloklarinettist an der Balustrade neben dem Dirigenten.

Eine Ausweichspielstätte bietet Chancen. Und die veränderten Bedingungen liefern hier wirklich überraschend gelungene Effekte. Ein Bühnenbild aus Treppe – man denke an die grafischen Treppenbilder der Carceri des barocken Maler Piranesi – und eine geschickte Lichtregie (Nicol Hungsberg) tun es auch. Teile der Kuppel leuchten immer wieder in anderen Farben. Dramaturgisch geschickt sind auch die Rezitative gekürzt worden. Ein von der zeitgleichen Zauberflötenfertigstellung völlig okkupierter Mozart hatte sie an seinen Mitarbeiter Franz Xaver Süßmayr abgetreten. Dadurch, dass die sechs Sängerinnen und Sänger ihre Rollen – wie man sich das ja immer wünscht – auch verkörpern(perfektes Rollencasting) und auch überzeugend spielen, ist die dieser Oper schon oft vorgeworfene Rezitativlastigkeit fast ein Gewinn! Sämtliche Arien, vor allem die Ensemblenummern, die vielen zärtlichen und liebestrunkenen Duette, sind in dieser Produktion ein musikalischer Hochgenuss. Auch die als indisponiert angekündigte Adriana Bastidas Gamboa erfüllte die Partie des Annio mit Schmelz und Hingabe – ohne Abstriche.
Wer noch daran zweifelt, dass diese letzte Mozart-Oper die vollendetste Arbeit Mozarts sei, wie der erste Mozartbiograph 1798 bereits festgestellt hat, der sollte sofort nach Köln ins Gericht gehen.

Sabine Weber

Weitere Aufführungen: 12./ 15. Oktober jeweils Beginn 19.30 Uhr; 16. Oktober 18.00 Uhr. 19./ 21./ 23. Oktober und 4. November jeweils Beginn 19.30 Uhr. 6. November Beginn 18.00 Uhr. Und 12./ 18./ 20. November um 19.30 Uhr.

Weitere Infos unter:

0 Kommentare/von