The Greek Passion

Jesus spielen. Oder mehr.

Foto: Oper Zürich

Bohuslav Martinůs Oper «The Greek Passion» zurück am Uraufführungsort Zürich
(Zürich, 9. November 2008) Bohuslav Martinů, 1890 als Sohn eines Turmwächters im tschechischen Städtchen Polička geboren, starb 1959 in Liestal bei Basel. Vor 49 Jahren also. Die Schweiz gedenkt dieses Jubiläums bereits jetzt. Die Zürcher Aufführung von Bohuslav Martinůs vorletzter Oper «The Greek Passion» ist erst der Start einer Reihe, die sich dem wenig bekannten Opernschaffen Martinůs widmet. Die Häuser Genf, Bern, Luzern und Biel-Solothurn zeigen 2009 musiktheatralische Werke Martinůs. Und in Basel, das seit Jahren ein eigenes Martinů-Festival veranstaltet, wird die Fernsehoper «Die Heirat» gezeigt. Als europäische Erstaufführung.
Unbekanntes also. Und – wie so oft – zu Unrecht Unbekanntes. Das wurde auch im Opernhaus Zürich klar, wo sich der norwegische Jungdirigent Eivind Gullberg Jensen im Graben und Regisseur Nicolas Brieger auf der Bühne um die Wiederbelebung der «Greek Passion» kümmerten. Der Titel verweist nicht auf die musikalische Form, sondern auf den Inhalt des genuin musiktheatralischen Stücks: In einem griechischen Dorf soll ein Passionsspiel aufgeführt werden. Petrus, Judas, Maria Magdalena, Christus – die einfachen Bewohner bekommen vom Dorfpriester ihre Rollen zugewiesen und identifizieren sich zunehmend damit. Jesus spielen oder in seinem Geiste wirken – diese Frage stellt sich für den Schäfer Manolios (Roberto Saccà), als eine Gruppe Flüchtlinge um Asyl bittet. Der Priester (Alfred Muff) wimmelt sie ab, Manolios hingegen weist ihnen ein Versteck auf einem Hügel. Flüchtlinge, Asylsuchende – das war im Uraufführungsjahr ein brisantes Thema und ist es noch heute. Das Schweizer Publikum hat durch Martinů 1961 Dinge erfahren, die im Krieg und auch danach lange verschwiegen wurden. Nämlich, dass die «humanitäre» Schweiz zahlreiche Flüchtlinge an ihren Grenzen zurückwies. Nur: Auf diesen historischen, aber auch auf aktuelle Bezüge verzichtet Brieger.

Hätte eine solche Regie die Wiederbegegnung mit «The Greek Passion» tatsächlich gestört? Es ist kaum anzunehmen. Aus dem Orchestergraben wenigstens kamen starke und deutliche Klänge. Ursprünglich hätte die Oper in London erstmals gezeigt werden sollen. Für Zürich hat sie Martinů stark überarbeitet, und für die aktuelle Neuproduktion hat man nun eine Mischfassung aus erster und zweiter Version erstellt. Die Musik ist theaterwirksam, schildert dramatische Szenen und emotionale Inhalte deutlich. Dabei bleibt sie gerne kleinteilig, schwenkt ständig auf neue Perspektiven ein. Das Orchester erwies sich hier als sehr beweglich. Die doch recht unbekannte Partitur erklang unter Gullberg Jensens Leitung wie den Spielern bestens vertraute Musik. Sportlich rhythmischer Elan, ein flottes Tempo, glänzende Klänge, aber auch Schärfen und Attacken ließen Martinůs Musik jung und frisch und ohne die oft zu hörende Schwerfälligkeit erklingen. Brieger und sein Bühnenbildner Hans Dieter Schaal stellen das Geschehen vor eine schräge Skulptur. Halb Buch, halb (Gottes-)haus mit leuchtenden Ikonen als Fenster. Der Glaube muss sich bewähren, denn er steht auf der Kippe. Die Bewährungsprobe geschieht aber eben nicht im Passionsspiel, sondern in der Realität. Zivilcourage, Widerspruch gegen Dogmen und Obrigkeiten, aber auch der ganz einfache christliche Grundsatz des Teilens finden in Manolios ihren Vertreter. Doch er scheitert. Die Dorfbewohner und die Flüchtlinge laufen in der zentralen Szene des vierten und letzten Aktes einander nicht – wie erwartet – in die Arme, sondern gehen aneinander vorbei. Keine Verbrüderung trotz gemeinsamen Glaubens. Hier hat Brieger ein starkes Bild geschaffen. Dass dazu die auf den Boden ausgelegten Leintücher sich rot verfärben, war nicht nötig. Subtilität ließ der Regisseur dafür in der Personenzeichnung walten: Die Oper kommt (übrigens auch in der musikalischen Gestaltung) ohne jeden christlich-pathetischen Kitsch aus. Und das, obwohl Gefahr dazu gegeben wäre. Grosses Orchester, zwei Chöre und 15 solistisch zu besetzende Rollen – das ist ein großer Aufwand für eine (möglicherweise auch deshalb) so selten gespielte Oper.
Zürich, mit guten Stimmen komfortabel ausgepolstert, bewährte sich bestens. Roberto Saccà war ein stabil strahlender und angenehm uneitler Manolios. Alfred Muff ein bestens verständlicher, grundsolider, wenn auch nicht besonders aussagestarker Dorfpriester. Außergewöhnlich schön sang Andreas Winkler als Michelis. Mit seiner charakterstarken und sehr «russischen» Stimme stach Pavel Daniluk aus dem Ensemble. Ein vielversprechender Beginn des Martinů-Jahres 2009.
Benjamin Herzog
0 Kommentare/von

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.