Tannhäuser München

Foto: Anne Kirchbach

Amazonen- und Gardinenballette

Romeo Castelluccis Münchner „Tannhäuser“-Inszenierung als statische Installation wirkt vor allem bemüht – aber auch Kirill Petrenko am Pult überzeugt mit einer arg trockenen Klanglichkeit nicht wirklich.

Von Robert Jungwirth

(München, 21. Mai 2017) Eine gelungene „Tannhäuser“-Inszenierung ist in etwa so selten wie eine gelungene „Troubadour“-Inszenierung. Im Grunde ist das ein Ding der Unmöglichkeit. Was natürlich vor allem an der kruden Handlung der beiden Opern liegt, die nichtsdestotrotz zu den beliebtesten der beiden Großmeister Wagner und Verdi zählen. Romeo Castellucci hat sich in seiner Münchner Inszenierung des „Tannhäuser“ für eine symbolische Überhöhung der Handlung entschieden, die mehr Fragen aufwirft als sie Antworten gibt. Aber das ist bei Castelluccii eigentlich immer so. Natürlich geht es um die menschlichen Triebe und die Liebe, aber weniger als gesellschaftlich aufgeladene Gegensätze, noch nicht mal um die zwei Seelen, die ach in Tannhäusers Brust wohnen und noch viel weniger um eine Abstrahierung Richtung Künstlertum und Gesellschaft.

Castellucci, der mit dieser Inszenierung sein Debüt in München gibt, will zurück zum Anfang, zu den Basics des Menschlichen Lebens und Strebens. Also beginnt dieser Tannhäuser in der Ursuppe mit der Urmutter (Venus). In einer amorphen Masse, die sich ständig bewegt und aus der sich körperähnliche Formen abzeichnen, wohnt die Urmutter Venus. Sie sieht aus wie die Steinvenus von Malta mit ihren riesigen Brüsten – ist aber aus Glibber. Tannhäuser ist ihrem schleimigen Reich gerade entkommen und sucht nun den Ausgang aus der Ursuppe. Davor zur Bebilderung der Ouvertüre gab es ein schönes Amazonen-Ballett mit barbusigen Kriegerinnen mit Pfeil und Bogen, die auf ein Auge und ein Ohr auf einer Leinwand schießen. Ja, so trifft der Urtrieb unsere Sinne. So weit so nachvollziehbar. Doch außer diesen beiden Grundideen passiert in diesem „Tannhäuser“nicht mehr viel. Die Wartburg-Ritter sind weiß gekleidete Unsympathlinge, die herumstehen wie die Ölgötzen. Selbst der stimmlich markante Georg Zeppenfeld als Landgraf wirkt hier blass und bedeutungslos – wie in einer schlechten Oberammergaupassion.

Und der arme Wolfram von Eschenbach weiß auch nicht so recht, wo er hingehört. Christian Gerhaher singt ihn mit der ihm eigenen intellektuellen Distanz des erfahrenen Liedgestalters, wobei er das gesangliche epische Theater mitunter etwas übertreibt, wenn er die Stimme so weit zurücknimmt, dass sie einem Selbstgespräch(-gesang) gleicht, um dann plötzlich wieder mit einem Forte hervorzuschießen. Das wirkt schon arg manieriert. Passt aber zum Dirigat von Kirill Petrenko, der Wagners Partitur einer eingehenden Analyse unterzogen und verschiedene Fassungsteile neu zusammenfügt hat und die philologische Arbeit am Detail allenthalben hörbar macht – aber nicht unbedingt als musikalischen oder musikdramatischen Gewinn, sondern als überdeutliches Ausstellen und Extrapolieren.

Petrenko zerdehnt Wagners Musik oft derart, dass sie jede Spannung, jeden Drive, jede Dramatik verliert. Die exzessiven Forteausbrüche, die sicher exakt berechnet sind, können das auch nicht ausgleichen. Joachim Kaiser urteilte einmal über eine Bruckner-Symphonie unter Celibidache: „Langeweile aus Perfektionsdrang“. Ähnlich ist es auch bei diesem „Tannhäuser“. Auch ist der Klang, den Petrenko favorisiert, gewöhnungsbedürftig: hell, klar, fast mehr Weber als Wagner, seltsam stimmungslos und extra-trocken. Auch Klaus Florian Vogt mit seiner silbrig hellen Tenorstimme wirkt wie im falschen Stück. Wenn er anfängt, von einem Wunder zu singen, denkt man, jetzt macht er gleich als Lohengrin weiter. Nein, die Musik überzeugt nicht wirklich in diesem quergebürsteten „Tannhäuser“, der so gewollt anders sein will und dabei über weite Strecken sowohl szenisch als auch musikalisch einfach nur langweilt.

Welch ödes Stehtheater offeriert Castellucci da im zweiten Akt, in dem er riesige weiße Vorhänge eine Art Gardinenballett vollführen läßt. Das sieht aus wie eine exhumierte Wolfgang Wagner-Inszenierung aus den 60ern oder 70ern. Für das Drama ist dieser Akt ein Tiefschlag – als Ideenvorlage für weiterführende Seminare zum Thema Gewalt, Libido, Transzendenz usw. vielleicht eine hilfreiche Assoziationsgrundlage…
Wäre da nicht die stimmlich überragende, wenngleich tief timbrierte Anja Harteros als Elisabeth, man wäre fast nur noch enttäuscht. Und auch Elena Pankraotovas Venus überzeugt durchweg mit ausdrucksstarker Klarheit und Prägnanz.

Im dritten Akt geht es Castellucci dann eigentlich nur um den Tod, um die Transzendenz menschlichen Lebens, um die Unendlichkeit. Tannhäuser und Elisabeth werden in verschiedenen Stadien ihres Verblichenseins vorgeführt – während sie noch singen. Eigentümlich ist das und auch nicht sehr nachvollziehbar. Es sind eher szenische Installationen, die Castellucci wie ein bildender Künstler hier vorführt, aber ist das wirklich theatertauglich? Darüber gingen an diesem Abend auch im Publikum die Meinungen deutlich auseinander. Eine lautstarke Buhfraktion brüllte nach dem Schlussakkord auf eine Jubelfraktion ein. Ausgang unentschieden.

P.S. In den Pausen gab es zu den Amazonen- und Gardinenballetten auf der Bühne übrigens noch eine Balletteinlage vor der Oper am Max-Joseph-Platz: ein Busballett. Wie schön, dass die Touristenbusse jetzt bevorzugt hier ihre Fracht ausspucken, und die Fahrer dann auch noch ihre tollen Rangierkünste den staunenden Opernbesuchern demonstrieren. München läßt einen seiner schönsten Plätze zum abgasgeschwängerten Rangierbahnhof für Busse und Tiefgaragenautos verkommen. Wie daneben ist das denn?!

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