Start der Musik-Biennale von Venedig

Der Gesang des Papageis

Musik-Biennale in Venedig – Neues von der Neuen Musik in Italien

Von Robert Jungwirth

(Venedig, 27. – 29. September 2019) Kann man ein Erdbeben in Töne fassen, es in Musik ausdrücken? Stefano Taglietti hat dies zumindest versucht. Er komponierte mit „Moving Point“ für Streichorchester und Klavier ein Stück, das wie ein durch einen zerbrochenen Spiegel reflektiertes Barockkonzert wirkt. Zersplitterte Formen und Melodien, die sich wieder neu zusammenfinden. „Moving Point“ ist eines von vier Werken, die sich mit dem 10 Jahre zurückliegenden schweren Erdbeben in L’Aquila in Mittelitalien auseinandersetzt, das 300 Menschenleben forderte. Vier Kompositionsaufträge an vier italienische Komponisten hat die Musik-Biennale von Venedig in Erinnerung an dieses tragische Ereignis vergeben. Das Ensemble I Solisti Aquilani unter der Leitung von Pasquale Corrado führte die Werke jetzt in einem Konzert im Palazzo Giustinian, der Zentrale der Biennalen in Venedig auf.

Tagliettis Stück hatte also durchaus einen nachvollziehbaren Bezug zu dem schrecklichen Geschehen vor 10 Jahren. Andrea Manzoli versuchte in seinem Stück „Post fata resurgo“ sogar laut Eigenaussage verschiedene Elemente eines Erdbebens musikalisch zu veranschaulichen. Das klang streckenweise nach orchestriertem Chaos, und Pasquale Corrados Streichorchesterwerk mit Solocello „Dove non si tocca in mare“ – ist sicher ein effektvolles Cello-Konzert. Mit seinen rhythmisierten Ostinati könnte es aber auch „Zu viele Diesel-Schiffe auf dem Canale Grande“ heißen. Man sieht daran, dass konkrete Zuschreibungen bei Kunstwerken, so gut sie gemeint sein mögen, immer etwas problematisch und gezwungen sind – und nur schwer einzulösen.

Vor allem italienische Komponisten und Ensembles stehen im Fokus der diesjährigen 63. Musik-Biennale von Venedig – dem wichtigsten Forum für zeitgenössische Musik in Italien. Immer wenn die Stars und Sternchen der Filmbiennale längst den Lido verlassen haben, öffnet die Musik-Biennale ihre Pforten. Sie tut dies selbstredend weit weniger glamourös als das Filmfestival, dabei ist die Musikbiennale sogar älter als die Filmbiennale. Seit 1930 findet sie statt und präsentierte in ihrer Blütezeit z.B. Uraufführungen von Strawinsky oder Nono.

Goldene Löwen werden erst seit 2006 regelmäßig im Sektor Musik verliehen. Preisträger bislang war u.a. Helmut Lachenmann, Luciano Berio, Wolfgang Rihm, Sofia Gubaidulina oder Pierre Boulez. Die Komponisten Georgio Battistelli und Luca Francesconi, die das Festival zu Beginn der 2000er Jahre leitenderweise übernommen haben, konnten ihm nach vielen Jahren der relativen Bedeutungslosigkeit wieder mehr an Bedeutung und Qualität einhauchen.

Seit 2012 leitet die Biennale der italienische Musikprofessor und Komponist Ivan Fedele, der sich sehr stark um eine Öffnung des Festivals in stilistischer Hinsicht bemüht. Zum Beispiel Richtung Jazz. So erhielt 2018, als der Programm-Fokus auf Nord- und Südamerika gerichtet war, der Jazzpianist Keith Jarrett den Goldenen Löwen. In diesem Jahr, das unter dem Titel nicht besonders originellen Titel „Back to Europe“ steht, bekam ihn der britische Komponist George Benjamin für sein Lebenswerk. In der Preisbegründung hieß es: „Benjamins tiefe und raffinierte Kompositionen offenbaren einen prägnanten Stil, der das Klangmaterial mit der visionären Vorstellung eines Bildhauers formt, der die Form fühlt und sieht, noch bevor sie in der Partitur materialisiert wird. George Benjamin, ein großartiger Pädagoge, ist ein einzigartiges Beispiel für die neue Generationen von Komponisten, für seine schöpferische Phantasie, Intelligenz beim Komponieren und Verständnis für Form.“

Die Preisverleihung am 27. September fand im Teatro Goldoni mit der Aufführung von Benjamins Konzertversion seiner Erfolgsoper „Written on skin“ in einer spektakulär guten Interpretation mit dem Nationalen Rundfunksymphonieorchester der Rai unter der Leitung von Clemens Schuldt und den herausragenden Sängern Christopher Purves, Georgia Jarman und James Hall statt.

Die ersten Tage der Musik-Biennale in Venedig waren geprägt von italienischen Komponistinnen und Komponisten. Auch von italienischen Ensembles. Interessant ist für ausländische Besucher, dass es doch einige Ensembles in Italien für Neue Musik gibt. Das Ensemble L’arsenale – gewissermaßen das Festival-Ensemble – präsentierte am zweiten Tag zwei zumindest im Ansatz musiktheatralische Uraufführungswerke von Filippo Perocco und Lucia Ronchetti – zwei KomponistInnen der mittleren Generation, die sich Texte von Eugene Ostashevsky zur Vorlage gewählt haben. Das war bei Perocco mit „Come foglia opaca“ eine musikalische Philosophie über die Bedeutung der Hände und mit „The Pirates ho does not know the value of pi“ eine verschrobene Robinsonade mit einem Papagei und besoffenen Piraten über Sprache, Sinnfindung und Selbstfindung.

Gerade Letzteres hätte durchaus spannend sein können und war es auch im Ansatz auch, aber Lucia Ronchetti bot hier leider eine sehr schwache Musikalisierung, die auch noch ins Musicalhafte, ja Banale abgleitete. Und zu allem Überfluss wurde der ohnehin schwer erträgliche Gesang des Papageis auch noch elektrisch verstärkt. Das zahlreich erschienen Publikum im Teatro alle Tese auf dem Gelände der Arsenale (der Kunstbiennale) reagierte dennoch unverdrossen offen interessiert auf dieses Konzert. Offenbar provoziert die Nachbarschaft zur ungleich bedeutenderen Kunst-Biennale unter den Besuchern eine gesteigerte Toleranz auch allem Erscheinungen in der Musik gegenüber – auch den nicht so guten.

Schön wäre es, wenn die Begegnung der beiden Biennale-Kunstsparten bildende Kunst und Musik nicht nur eine räumliche, sondern auch eine inhaltliche wäre. Bislang findet man davon nichts im Programm. Wenn man die mitunter wirklich aufwühlenden und positiv-verstörenden künstlerischen Aussagen im Bereich der bildenden Kunst auf der Biennale sieht, Arbeiten, die beunruhigende Dystopien und radikal-kritische Sichtweisen auf unsere Welt und ihre menschlichen Bewohner bieten, kann man vom Angebot der Musik-Biennale schon etwas enttäuscht sein. Wo bleibt hier das Aufrüttelnde, wegweisend Zeitgenössische oder gar Zukunftsweisende? Ivan Fedele ist in der Leitung für die nächsten Jahre bestätigt worden. Man kann nur hoffen, dass sich in noch eine Entwicklung bei der Musik-Biennale unter seiner Leitung abzeichnet.

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