Simone Boccanegra

Ein Fest für Placido

Oper als Relief: Placido Domingo als Simone Boccanegra Foto: M. Rittershaus

Mit seinem Ausflug ins Bariton-Fach begeisterte der knapp 70jährige Placido Domingo als Simone Boccanegra in Verdis gleichnamiger Oper das Publikum an der Berliner Staatsoper und riss es zu standing ovations hin – Premierenkritik
(Berlin, 24. Oktober 2009) Gift und Dolch, Mantel und Degen, Liebe und Eifersucht, Macht, Hass und Mord. Verdis 1857 entstandene und 20 Jahre später überarbeitete Oper "Simone Boccanegra" spart nicht mit Konflikten und dramatischem Potential. Die Handlung ist ebenso spannend wie verwirrend. Und Verdi hat dafür eine seiner spannungsgeladensten und aufwühlendsten Opernmusiken komponiert.
Die Handlung läuft geradezu schlaglichthaft ab, die Szenenwechsel wirken geradezu filmisch. Schon der Beginn, die Vorgeschichte, bringt eine in der gesamten Operngeschichte eher seltene Kulmination an Dramatik und Tragik. Der erfolgreiche Korsar Boccanegra kehrt nach Genua zurück, wo er auf ein Wiedersehen mit seiner Geliebten Maria hofft. Eine Heirat mit der Adligen war wegen der Standesunterschiede unmöglich. Da wird ihm von Volksvertretern das Amt des Abate, des Volksabts, angetragen. Boccanegra sagt zu, weil er hofft, mit der gesellschaftlichen Aufwertung Maria heiraten zu können. Als er zu Maria in den Palast gelangt, erfährt er jedoch vom Tod seiner Geliebten. In dem Moment feiert ihn das Volk als neuen Führer.
Verdi wollte mit Simone Boccanegra nicht weniger als die Tragödie der Politik auf die Opernbühne bringen. So wie Boccanegra versucht, die widerstreitenden gesellschaftlichen Kräfte zu einen, so hoffte schließlich auch Verdi auf ein geeintes und unabhängiges Italien. Dabei weist die Dialektik von Wollen und Können, von Macht und Ohnmacht, von Gut und Böse in dieser Oper weit über Verdis politisches Anliegen hinaus. Zeigt die nicht kalkulierbare Dynamik politischer Prozesse sowie die geradezu zwangsläufige Transformation des Positiven ins Negative.
Regisseur Federico Tiezzi Spricht deshalb zurecht davon, dass hier die politischen Kräfte mit machiavellistischer Kraft gegeneinander prallen, und die persönlichen Leidenschaften darin eingeschrieben sind, "so dass die Taten der Einzelpersonen auf das Fresco des öffentlichen Lebens projiziert werden".
Tiezzi, der eigentlich Kunsthistoriker ist, taucht in seiner Inszenierung tief ein in die Kunstgeschichte Italiens des 14. Jahrhunderts. Mit dem Ratsbild (1. Akt), vor dessen goldener Rückwand der goldgewandete Doge Boccanegra wie ein Relief wirkt, wie eine zum Standbild oder Fresco geronnene Momentaufnahme, gelingt Tiezzi auch zweifellos eine schöne Verbindung von Opernhandlung und Ikonographie. Insgesamt aber ist Tiezzis Inszenierung in den plakativ-illusionistischen Bühnenbildern von Maurizio Balo und den Kostümen Giovanna Buzzis eine herbe Enttäuschung, die denn auch zurecht vom Publikum mit Buhsalven quittiert wurde. Da half auch Barenboim demonstrativer Schulterschluß beim Schlußapplaus nichts.
Von des Regisseurs klugen und interessanten Gedanken, die dieser auf vielen Seiten des Programmhefts darlegt, ist auf der Bühne leider kaum etwas zu sehen. Die Inszenierung müsse Bilder der Tiefe schaffen, sagt Tiezzi.
Die optische Umsetzung sieht dann aber aus wie auf einer (deutschen) Provinzbühne vor 30 Jahren – Mantel und Degen und Paillettenkostüme – die Personenregie wirkt entsprechend stereotyp und einfältig. Als Opernregisseur ist Tiezzi kaum über Italien hinausgekommen, ein Manko und auch ein Beleg für die wenig beglückende Situation gegenwärtiger Opernregie in Italien.
Wären die musikalischen Leistungen aller Beteiligten in dieser Produktion nicht so außerordentlich, so spannungsgeladen und intensiv, dass man über die Gesamtdauer der Oper schier den Atem anhält, hätte das Publikum seinen Unmut über die Inszenierung vielleicht schon viel früher kund getan.

Anja Harteros und Placido Domingo Foto: M. Rittershaus


Placido Domingo zeichnet in der Titelpartie das eindringliche Rollenporträt eines bereits im Triumph gescheiterten und an seiner Macht leidenden Politikers. Trotz der nicht unkomplizierten Handlungsfolge und auch mancher Ungereimtheiten des Librettos gelingt es Domingo, die Geschichte immer wieder zu erschütternden emotionalen Höhepunkten zu treiben. Die Wiedererkennungsszene mit seiner Tochter erinnert in ihrer Vehemenz fast schon an die Szene Elektra-Orest in Straussens "Elektra". Barenboim lässt das Orchester dazu aufheulen, dass einem ganz anders wird.
Anja Harteros als Boccanegra-Tochter Amelia ist die Positiv-Folie und Hoffnungsträgerin gegenüber dem scheiternden Helden. Die Duette mit dem Vater gehören zum Schönsten und Anrührendsten der ganzen Oper. Harteros‘ Stimme besitzt dafür die ideale Verbindung aus Schmelz und Strahlkraft (äußerlich sieht sie aus wie die dunkelhaarige Muse des Malers Anselm Feuerbach, in dessen präraphaelitisch-kitschigen Historienbilden – vielleicht beabsichtigt vom Kunsthistoriker Tiezzi). Wenngleich man sich gelegentlich bei Simone vielleicht eine etwas tiefer timbrierte Stimme wünschen mag, ist Domingos Stimmkraft und Ausdruckspalette noch immer phänomenal – einmal ganz abgesehen von der physischen Leistung, einen solchen Opernabend mit fast 70 Jahren durchzustehen!
Daniel Barenboim spitzt die Partitur Verdis dramatisch ungemein zu, reizt aber auch die kontrastierenden Wirkungen und psychologischen Verästelungen wirkungsvoll aus. Dabei klingt die Staatskapelle immer kantabel.
Hanno Müller-Brachmann als Simone-Gegenspieler Paolo, Fabio Sartori als Geliebter Amelias und Kwangchul Youn als Fiesco runden mit ihren außerordentlichem stimmlichen Leistungen den geschlossenen musikalischen Eindruck ab.
Robert Jungwirth

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