Sibelius zum 150. Geburtstag

Finnlands musikalischer Bote

CD-Editionen und eine DVD-Box zu Jean Sibelius‘ 150. Geburtstag
Von Klaus Kalchschmid
(8. Dezember 2015) Jean Sibelius ist trotz seiner Bekanntheit und Beliebtheit mit nur wenigen Werken im Repertoire vertreten: Vor allem mit dem Violinkonzert, der heimlichen Nationalhymne Finlandia, der Karelia-Suite, einigen wenigen seiner Symphonien, etwa der Fünften, allenfalls noch dem Streichquartett Voces intimae. Aber wer kennt schon die ebenso sperrige wie faszinierend moderne, nicht nur von Wolfgang Rihm hochgeschätzte Vierte, die übrige Kammer- und Klaviermusik, die Lieder, die großartige frühe, gewaltige Kullervo-Symphonie-Kantate, die zahlreichen (Männer-)Chöre oder seine umfangreiche Bühnenmusik zu Shakespeares Sturm oder Maeterlincks Pelléas et Melisande und anderen Dramen.
Die bemerkenswerteste Neuerscheinung gilt den Symphonien auf DVD – erstmals komplett eingespielt unter Hannu Lintu mit dem finnischen Rundfunk-Symphonie-Orchester. Jedem Livemitschnitt ist eine halbstündige Einführung vorangestellt, die den biographischen Kontext umreißt und im Gespräch mit dem Dirigenten sehr präzise und anschaulich musikalisch einführt. Was jeweils folgt, ist nicht nur klang- und bildtechnisch exzellent, sondern auch interpretatorisch. In acht zehnminütigen, experimentellen Filmen wird das Leben von Jean Sibelius unter die Lupe genommen. Nur schade, dass Kullervo fehlt, wie auch bei Mahler-Zyklen Das Lied von der Erde, obwohl doch beide, hier das Früh-, dort das Spätwerk, essentiell zu den Symphonien dazugehören.
In den vier derzeit erhältlichen großen CD-Boxen findet man natürlich Kullervo, dazu einen mehr oder minder repräsentativen, aktuellen oder eher historischen Querschnitt durch das Werk von Sibelius. Egal ob nur sieben oder 15 CDs: immer ist eine Gesamtaufnahme der Symphonien enthalten, manchmal von nur einem Dirigenten; vor allem auf zwei konträre Maestros aufgeteilt wie Bernstein mit aufregenden Mitschnitten der ersten beiden Symphonien und Karajan (4-7) bei der DG-Box – oder gar auf vier (Kajanus / Beecham / Schneevoigt / Koussevitzky) bei Warner. Noch immer ist die 2006 erschienene und nach wie vor erhältliche Box bei BIS The Essential Sibelius (15 CDs) empfehlenswert, schöpft sie doch aus der bei der finnischen Firma erschienenen Gesamtausgabe und enthält auch wichtige Nebenwerke.
Außer der BIS-Compilation bietet den breitesten und repräsentativsten Einblick die Sibelius-Edition der Deutschen Grammophon mit Aufnahmen aus den Jahren 1958-2004 auf 14 CDs. Spannend ist freilich auch die DECCA-Box (11 CDs)mit Aufnahmen der 50er und 60er Jahre. Da orgeln schwedische Wagner-Heroinen wie Kirsten Flagstad oder Birgit Nilsson in opulenten Orchesterfassungen Lieder und sogar Interpretationsvergleiche sind möglich, denn doppelt ist das Violinkonzert vertreten (1953/1959), je 3 x die Fünfte, Karelia-Suite und Valse Triste, gar viermal Finlandia. Zeitlich noch weiter zurück geht eine 7-CD-Box von Warner, die Aufnahmen von 1928- 1945 umfasst. Trotzdem ist sie nicht nur etwas für Connaisseure, denn trotz allem Rauschen und Knistern erlebt man elektrisierende Einspielungen wie die von Sir Thomas Beecham aus den 1930ern.
Nicht zu vergessen sei, was Naxos in Neueinspielungen – ebenfalls auf 7 CDs, allerdings einzeln erhältlich – unter Leitung von Leif Segerstam versucht: eine Ehrenrettung der selten gespielten Werke.  Die erste CD präsentiert frühe, halbstündige Schauspielmusiken: atmosphärisch dichte Stücke (Kuolema) oder elegische Stil-Kopien in hohem Ton (Kung Kristian II). Segerstam und das Turku Philharmonic Orchestra haben sie mit viel Sinn für den Reichtum an Klangfarben und den melodisch und harmonisch so unverwechselbaren Sehnsuchtston Sibelius‘ aufgenommen. Auf weiteren CDs gibt es unter anderem neben kleinen Einzelwerken die komplette Schauspielmusik zu Hofmannsthals Jedermann (1916) oder Maeterlincks Pelléas et Mélisande (1905) zu hören.

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