Schwanda, der Dudelsackpfeifer

Mit dem Dudelsack nach Hollywood

Johannes Martin Kränzle (Schwanda), Kerstin Descher (Königin): Foto: Theater Augsburg/A.T. Schäfer


Die neue Augsburger Intendantin Juliane Votteler präsentiert als erste Opern-Premiere Jaromir Weinbergers „Schwanda, der Dudelsackpfeifer“
(Augsburg, 3. Oktober 2007) Ob es wohl ein kluger Schachzug von Juliane Votteler war, als erste Opern-Premiere die tschechische Volksoper „Schwanda, der Dudelsackpfeifer“ aus dem Jahr 1927 zu wählen? Inhaltlich ein eher dünnes Märchen von einem der auszog, erotisch zu erwachen, in der Hölle landet und schließlich wieder mit seiner Frischvermählten vereint wird. Musikalisch ist das eine krude Mischung aus Volkston à la Smetana, süffigen, gekonnt instrumentierten Puccini- und Korngold-Klängen, gemixt mit Dudelsack-Imitationen, ein paar zündenden Operettenschlagern und einer veritablen Fuge.
Der schottische Regisseur Paul Curran traute dem Stück zurecht nicht ganz über den Weg und ironisierte nicht nur die Heimat-Idylle des Anfangs, sondern erfand für das Reich der „Königin mit dem eisigen Herzen“ die Brechung durch ein Hollywood-Film-Set, das dieses Geschehen um eine Glamour-Diva aufzeichnet (und das später als Endlos-Schleife in der „Hölle“ vor Stars und Sternchen zwischen Marilyn Monroe, Marlene Dietrich, Bischöfen, Popstars und Napoleon serviert wird). Geschickt nutzte der Regisseur die Schnitte in der Partitur für den Wechsel von Filmaufnahme und „realen“ Szenen. Doch weder ließ sich dieses Prinzip durchhalten noch schärfte es die Handlung. Als Anspielung auf die vergeblichen Versuche des jüdischen Emigranten Weinberger, in den USA komponierend Fuß zu fassen, taugte es gerade mal als Fußnote im Programmheft.
Das große Plus der Aufführung bestand in der Leistung des Orchesters unter Generalmusikdirektor Rudolf Piehlmayer. In jedem Takt leuchtete, glitzerte, schillerte und strahlte es elegant und lebendig aus dem Graben. Noch die Durststrecken der Partitur hatte der GMD im Griff, fand für jeden der schnell wechselnden Tonfälle die richtige Farbe, klangliche Balance und Phrasierung. Hätten doch auch die Gesangssolisten die Qualität dieses Kollektivs gezeigt! Selbst der Chor agierte überzeugender. Stattdessen mühten sie sich die Protagonisten nach Kräften: Johannes Martin Kränzle spielte den etwas naiven, aber selbstsicheren Schwanda zwar gewitzt, und sang ihn auch ganz ansprechend mit einem schönen Bariton. Aber sein seltsam zitterndes Vibrato störte am Premierenabend nicht unerheblich. Sally du Randt hat die viel zu große, viel zu dramatische, viel zu reife Stimme für seine junge Braut Dorota. Tillmann Unger sang sich mit seinem kleinen, engen Tenor erst ganz langsam frei und auch der Teufel des Christian Tschelebiew agierte lebendiger und zwingender als er zu hören war. Freuen darf man sich allerdings auf Per Bach Nissen – in drei kleinen Rollen zu erleben, und bald Osmin in Mozarts „Entführung“ – wie auch auf Roman Payer – ebenfalls in drei Nebenrollen zu hören und bald als Pedrillo!
Nach Glucks „Orfeo ed Euridice“ (9.November) gilt dieser „Entführung aus dem Serail“ am 6. Januar die dritte Musiktheater-Premiere der neuen Ära am Augsburger Theater. Mit der Konwitschny-Schülerin Tatjana Gürbaca, deren „Così fan tutte“ mit Sängern der Theaterakademie erst kürzlich in München zu erleben war, hat Juliane Votteler, die ehemalige Chefdramaturgin der Stuttgarter Oper, eine von mehreren vielversprechenden jungen Regisseurinnen nach Augsburg eingeladen: Mira Ebert folgt am 20. Januar mit Peter Maxwell Davies‘ „Die beiden Musikanten“, Adriana Altaras am 1. Juni mit Rossinis „Il barbiere di Siviglia“ und Valentina Simeonova am 26. Juni mit Benatzkys „Im weißen Rössl“. Dazwischen gibt es noch Verdis „Un ballo in maschera“ (17. Februar) und – als Fortsetzung der Programmschiene „Zeitoper“ der 20er Jahre, die schon der Vorgänger Ulrich Peters gepflegt hatte – Paul Hindemiths „Cardillac“ in der Originalfassung aus dem Jahr 1926 (12. April). Diese Vertonung von E.T.A. Hoffmanns Erzählung „Das Fräulein von Scuderi“ wäre zum Einstieg mit Sicherheit die packendere, bessere Oper gewesen.
Klaus Kalchschmid
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