Scelsi Marthaler Salzburg

Delirium mit Scelsi

Wer hat hier das Sagen: Christoph Marthalers Schauspieler oder die Musiker des Klangforum Wien? (Bild: D. Wimmer/SFP)

„Sauser aus Italien. Eine Urheberei“: Christoph Marthalers Inszenierung von Musik von Giacinto Scelsi bei den Salzburger Festspielen.
(Salzburg, 19. August 2007) Eines der ambitionierten Projekte der diesjährigen Salzburger Festspiele ist die Erkundung der Musik des italienischen Komponisten Giacinto Scelsi. Konzertchef Markus Hinterhäuser bezeichnete dessen Oeuvre thematisch gleich als „Kontinent“, um so eine weitschweifende Expedition in das musikalische Reich des introvertierten Künstlers zu legitimieren. Höhepunkt der Reise war, nach etlichen höchst eindrucksvollen Konzertabenden, eine szenische Produktion, die am Sonntag auf der Perner Insel in Hallein ihre Premiere hatte. Kein geringerer als Christoph Marthaler war – neben Hinterhäuser – ihr Erfinder und auch ihr Regisseur. „Sauser aus Italien“ lautete der Titel des über zweistündigen Abends, in dem Marthaler Szenenmaterial vorstellt, das ihm zu 10 Werken Scelsis eingefallen ist. „Sauser“ heißt in Südtirol der Federweiße, also der frisch gekelterte süße, noch in Gärung befindliche Wein. Einiges an Weinseligkeit wird schon dabei gewesen sein, als Marthaler und Hinterhäuser ihr Scelsi-Vorhaben ausheckten. Was ist also daraus geworden?
Den Besucher erwartet in der weitläufigen Salinenhalle eine Bühneninstallation, die aussieht wie die Fassade eines italienischen „Complesso“, eines Hauses mit mehreren Appartements. Kennzeichen ist der weit ausladende Balkon im ersten Stock und eine Fensterfront mit Holzjalousie. Im Erdgeschoss befindet sich wohl ein Restaurant, es könnte auch zu einer Pension gehören. Denn die Personen, die da bei Beginn der Aktion an den gedeckten Tischen sitzen, scheinen gerade zu frühstücken: Sie zeigen schon etwas Ungeduld, lassen sich vom nicht sonderlich eilfertigen Kellner Kaffee bringen (oder „Tee, bitte“). Sie müssen sich aber auch beeilen, denn „es gibt hier gleich einen Event“, wie sie der Kellner wissen lässt. Wenn es ihn dann nur gäbe, den Event. Denn von nun an passiert eigentlich gar nichts mehr. Das Ensemble „Klangforum“ Wien lässt die Musik Scelsis erklingen (Streichquartett Nr. 4 und 5, verschiedene Stücke für kleine Besetzungen mit Violine, Gitarre, Kontrabass, Klavier, Harfe oder Trompete) und Marthaler lässt seine altbekannten Figuren (darunter Graham Valentine, Josef Ostendorf und Bettina Stucky) dazu herumschlurfen, bizarre Textbrocken sprechen und Bewegungen der verschiedensten Art ausführen.

Wohnbaulandschaft „all‘ Italiana“ von Duri Bischoff. (Bild: D. Wimmer, SFP)

Gemessen an seinen anderen Einfällen zu „absoluter“ Musik, etwa zu Messiaens „Quatuor pour la fin du temps“ oder Schuberts „Schöne Müllerin“ ist dies reiner Marthaler-Minimalismus. Niemand kippt mehr um oder schlägt frappierend virtuose Purzelbäume, nichts verschwindet plötzlich oder erscheint ebenso: Alle stehen sauber sortiert da und machen absolut vorhersehbare Dinge. Das Grüppchen auf dem Balkon verdreht zur Scelsi-Musik in neckischer Andeutung gerade einmal die Hände. Zu einem anderen Stück inszeniert Marthaler einen Stopp-Motion-Tango, dessen Bewegungsmomente in bizarren Verrenkungen gefrieren. Das Kontrabass-Stück trägt der Klangforums-Solist einer etwas ennuierten Zuhörerin als Ständchen auf dem Balkon vor, während darunter ein Pensionsgast zu den chinesisch inspirierten Klängen etwas aus einer Reisschale isst. Ein Mann hängt Wäschestücke auf dem Balkongeländer auf, was schließlich seiner Gattin nicht passt. Sie kommentiert das mit dem Gekeife, das man von einer molligen Frau im kleinen Schwarzen auch erwarten würde. Und so weiter.
Das ermüdet. Sehr sogar. Denn die Geschichte bleibt ein Sammelsurium von Bildern und Aktionen, die keinen Zusammenhang oder Sinn ergeben wollen – nicht einmal in Form eines jener so opulenten marthalerschen Un-Sinne. Nächstes Stück, nächstes Bild, wie in einer Dia-Show mehr oder weniger missglückter Urlaubsbilder, bei der man nur hin und wieder „das ist aber wirklich schön“ ausrufen kann. Denn aus einigen der Bilder, wie der Tango-Szene, blitzt ja jener so unschuldig-gnadenlos sezierende Marthaler hervor, der uns die Ungeheuerlichkeit der Dinge und Menschen dadurch zeigt, dass er sie zeigt wie sie sind. Aber in der Summe kommt nichts in Fluss und der „Sauser“ deliriert vor sich hin, wie es die Wirkung seines Namenspatrons dann letztlich auch sein soll.
Der Erkenntnisgewinn aus dieser Show geht gegen Null. Marthaler verwässert die der Scelsi-Musik inhärente Bildkraft und beraubt sie ihrer meditativen Wirkung. Wer hören will, wird gezwungen, hinzusehen; einfach nur wegsehen und sich auf die Klänge konzentrieren geht nicht, dazu sitzt man auf den Plastikstühlen viel zu unbequem. Besser also, man wartet auf den ersten „Sauser“ und genehmigt sich eine CD mit Scelsi dazu – diese Verbindung dürfte eine deutlich bessere Wirkung zeigen.
Laszlo Molnar
Weitere Aufführungen am 21., 23., 24. und 25. August, jeweils um 19.30 Uhr auf der Perner Insel in Hallein.

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