Saraste/Mattila

Finnische Genesis

Karita Mattila Foto: Marica Rosengard

Karita Mattila singt „Luonnotar“ von Sibelius, Jukka-Pekka Saraste leitet das WSO
Von Christoph Zimmermann
(Köln, 17. Februar 2017) 2017 gedenkt man wohl primär des großen Kirchenreformers Martin Luther. Personenungebundene Jubiläen gehen da etwas unter, etwa die Unabhängigkeit Finnlands vor hundert Jahren nach langer Unterdrückung durch Russland und Schweden. In der Biografie des für dieses Land so repräsentativen Komponisten Jean Sibelius (er starb vor sechzig Jahren) hat sich diese Entwicklung niedergeschlagen. Sibelius nämlich wuchs  mit der schwedischen Sprache auf, lernte das Finnische erst auf der höheren Schule. Aber er fühlte national wie kaum ein anderer, wie sich aus vielen seiner Werke ablesen lässt: Finlandia, Kullervo, Lemminkäinen- und Karelia-Suite.
Zum OEuvre von Sibelius fühlt sich Jukka-Pekka Saraste, unter anderem künstlerischer Leiter des Sibelius-Festivals in Lahti und seit der Saison 2010/11 Chef des WDR-Sinfonieorchesters, naturgemäß in besonderer Weise hingezogen. In der gegenwärtigen Spielzeit hält er sich freilich zurück (im vergangenen September dirigierte er lediglich die 5. Sinfonie) und gibt dafür Béla Bartók den Vorzug (u.a. sämtliche Klavierkonzerte mit Anna Vinnitskaya), künstlerische Verbindungsstränge zwischen den beiden Musikerpersönlichkeiten freilich betonend.
Umso gewichtiger die Akzentsetzung der beiden jüngsten Konzerte; berichtet wird von dem am Freitag, auch im Hörfunk übertragen. Solistin war die (neben Soile Isokoski) wohl führende finnische Sopranistin Karita Mattila, welche sich in der vergangenen Saison hierorts bereits mit den „Vier letzten Liedern“ von Richard Strauss vorstellte. Diesmal interpretierte sie „Luonnotar“ von Sibelius, eine vokale Tondichtung über die Erschaffung der Welt, wie sie die finnische Mythologie sieht. Bereits für den dämmrigen Beginn der Komposition fand das WDR Sinfonieorchester den angemessen raunenden Ton, um sich später in postwagnerischer Opulenz zu ergehen.
Karita Mattila meisterte ihren überaus anspruchsvollen Part (u.a. extreme Spitzentöne) nicht gänzlich anstrengungslos, aber mit gerundeter, leicht mezzofarbig gewordener Stimme (demnächst in Janaceks "Jenufa" in München), welche dann auch bei vier Sibelius-Liedern nachhaltig beeindruckte. „An den Abend“ konnte sogar vor der legendären Aufnahme Kirsten Flagstads aus den fünfziger Jahren bestehen, mit sozusagen erdschwerer Farbigkeit des Timbres und fast noch stärkerer Textausformung. Und eine veritable Diva ist die Künstlerin dazu. Die Titel der weiteren Lieder: „Arioso“, „Frühling schwindet eilig“ und „Schwarze Rosen“.
Jukka-Pekka Saraste wirkte an diesem Abend inspiriert wie selten. Den drei Ausschnitten aus der Bühnenmusik zum Schauspiel „Kuolema“ von Arvid Järnefelt mit dem berühmten, nicht zerdehnt gestalteten „Valse triste“ – über dieses Werk keine Information im Programmheft – gab er illustrative Dringlichkeit. Fast noch stärker schien seine Beteiligung bei Igor Strawinskys burlesker „Petruschka“-Suite. Akkurate, felsenfeste Führung des Orchesters (Taktwechsel!) verband sich da mit farbsprühender Klangenergie und dramatisch schärfender Impulsivität.  Strawinskys gegenüber dem „Feuervogel“ weitgehend entromantisierter und auf eine Tonsprache der Zukunft ausgerichteter Musik samt diversen Buffo-Momenten (z.B. das kurze solistische Zusammenspiel von Bassklarinette und Fagott) gönnte er eine ungemein starke Entfaltung. Man verließ das Konzert mit einem regelrechten Kribbelgefühl.



Münchner Philharmoniker


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