Salzburg Dialoge

Wege zum Neuen Hören

Im Salzburger Mozarteum finden Dialoge zwischen Musikepochen statt. Vergangenes Wochenende zwischen Lachenmann, Nono und früheren.

Was tun die Gegensätze? Ziehen sie sich an? Stoßen sie sich ab? Geraten sie hart aneinander oder treffen sie sich mit Monsieur Hegel auf der „höheren“ Ebene zur friedlichen Synthese? Keiner weiß das so genau, wenn er zu einer Veranstaltung fährt, die Dialog(e) verheißt, aber Konfrontation verspricht, wenn sie Lachenmann, Nono, Bach, Mozart und Franz Schubert unter einen Konzerthut zu bringen sich vornimmt.
Und doch war´s zum Hören und Staunen: Was das Salzburger Mozarteum als kritischen Nachklang zum Mozart-Jahr angekündigt hatte, wurde zum musikalischen Erleben – nicht als rausch¬haftem Sich-Fallen-Lassen und meditativem Sich-Versenken in die Weiten des Musik-Alls, sondern als Ansporn zur tätigen Aneignung, als Anstrengung und Vergnügen zugleich. Schon erstaunlich, was Stefan Pauly, der Geschäftsführer der Internationalen Stiftung Mozarteum, und Bernd Odo Polzer, der Dramaturg der Festivals Wien modern, sich da mit programmatischer Phantasie haben einfallen lassen.
Man weiß es ja aus Gesprächen mit den Interpreten und Protagonisten der neuen Musik: Dass man das Alte im Neuen und das Neue im Alten hörbar machen kann. Und zugleich sind die Sprachen der Musik bis ins Babylonische hinein verwirrend verschieden, darf Musik ganz unterschiedlichen Intentionen folgen, Übermittlerin einer Botschaft und tönende Form zugleich sein.
In vier Konzerten war das vom 16. bis zum 19. März als sinnliches Erlebnis (und in tätiger Hörarbeit) im Konzertsaal des Salzburger Mozarteums mitzuvollziehen, aufgestachelt und animiert von Interpreten auf höchstem Niveau und aufgehoben in einer Runde vorwiegend lokalen Publikums.
Am frappierendsten überfällt einen die Erfahrung, dass in der Musik nichts das ist, was es scheint, natürlich am ersten Tag: Dass Beethoven mit seinem Harfen-Quartett einen ununkehrbaren Schritt ins noch Ungedachte und Un-Erhörte unter¬nommen hat, kann man in gescheiten Büchern lesen. Nachvollziehbar wird es nur, wenn vier Musiker vom Schlag des Hagen-Quartetts sich mit vollem Risiko auf dieses Abenteuer einlassen. Da nehmen sich dann Anton Weberns Sechs Bagatellen op. 9 gar nicht so fremd und entfernt aus: wie ein letzter Widerhall – an der Grenze zum Verstummen – jenes Aufbäumens gegen das martialische Lärmen, den Beethoven in seine Musik einkomponierte. Und wer weiß: Hätte man die Bagatellen zweimal – als Rahmen für das klassische Quartett – gespielt, es wäre vielleicht noch deutlicher geworden.
Vielleicht so erschreckend klar wie das, was nach Luigi Nonos Ricorda cosa ti hanno fatto in Auschwitz passierte. Schon von der Hörsituation ist das kein Stück für den Konzertsaal: Es schreit nach Fabrik, Steinbruch, Gefängnisraum. Sich jedem Applaus verweigernd, zwingt es den Hörer in die radikale Einsamkeit höllischer Bilder, die der Kopf aus Nonos Musik filtert, ohne ihr „Programm“ zu kennen.
Und wenn in den Nachhall Nonos hinein ein Mozart-Quartett einsetzt, dann ist das wie das Heraustasten aus dem Grauen, an das man eben erinnert wurde, wie die heilende Wiederkehr aus der Auslöschung. Zerbrechlicher als sonst scheint diese Musik in diesem Kontext zu sein, aber auch inniger, so als schämten sich die Melodien – wie immer bei Mozart opernhaft – ihrer selbst. Es dauert Sätze, bis man beim „alten“, gewohnten Mozart angelangt ist.
Am zweiten Abend: Nonos Fragmente – Stille, an Diotima, ein Enigma des Nicht-Gesagten, das nicht nur dem wie immer phantastischen Arditti-Quartett, sondern auch dem Hörer äußerste Konzentration abverlangt. Auch in der Konfrontation mit den Zeitgenossen setzt Nono den Kontrapunkt zu anderen Streichquartetten, etwa jenen ausladenden Morton Feldmans, die den Hörer in einen meditativen Dämmerzustand versetzen. Nono fordert extreme Wachheit. Jeder Laut, ja, jedes Quäntchen „schlechte“ Energie (sprich: innere Unruhe) am Nebensitz, beeinträchtigt die Aufmerksamkeit.
Danach klingen Bachs Goldberg-Variationen wie Donnerhall und Kirchenpomp, laut und überrhythmisiert, nach Nonos ametrischer Musik, die dorthin zurückzukehren scheint, wo der Taktstrich noch nicht regierte, geläutert durch Stille und Pausen: Bei Bach hingegen bleibt kein Millimeter zwischen den Tönen, herrscht eine Plethora von Noten. Aus ihrer verwirrenden Fülle muss der Geist des Interpreten die schönklingende Ordnung herauslesen. Und dieser Esprit war an dem Abend hellwach: Wie unaufdringlich-virtuos András Schiff seinen Bach bewältigte, wurde einem erst im letzten Drittel klar, als die Hörgänge wieder in der Lage waren, sich den Bach´schen Weiten zu öffnen.
Am dritten Tag der „ganze“ Helmut Lachenmann, vom verschmitzten Kinderspiel (das dem Komponisten selbst Gelegenheit gab, die ganzen Register des Klaviers auszutasten) bis zum Dritten Streichquartett (Grido) aus dem Jahr 2001, das keine Farbe und keine Geräuschmöglichkeit zwischen Scharren, Flageolett-Schweben und nervigem Kratzen auslässt. Nach drei Sätzen aus Mozarts Bläserserenade Gran Partita hörte sich das geradezu schmeichelweich an.    
Zum Finale gab´s einen gleichsam „logischen“ Mix: Madrigale von Monteverdi und Gesualdo, pausen- und applauslos verbunden mit A-capella-Werken Luigi Nonos: eine stimmige Einheit vokaler Expressivität über die Jahrhunderte hinweg. (Man weiß – und Helmut Lachenmann, der Kommentator und Wegbegleiter durch die Abende, erzählte es auch -, wie sehr Nono gerade diese beiden Komponisten schätzte). Dann Nonos einziges Klavierstück,  … sofferte onde serene …, das von Trauer durchwobene, venezianische, von Marino Formenti in die extremsten expressiven Sphären des Pianissimo und Clusterdonners gerückt.
Klingt so der Schubert des 20. Jahrhunderts? Lachenmann erzählt, dass der Name dieses Komponisten bei Nono nicht vorkam. Aber im Kopf? Auf jeden Fall konnte der eigene Schuberts Winterreise ohne weiteres mit Nonos heiteren venezianischen Leidenswellen in eins setzen. Eine letzte Überraschung in diesem Dialog der Musikzeiten, in dem Matthias Goerne als Schubert´scher Antiheld das letzte, aber beileibe nicht abschließende Wort hatte. 
Anton Sailer

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