Salome an der Bayerischen Staatsoper

Diskurstheater ist kein Theater

Marlis Petersen ist eine überragende Münchner Salome – unter der Leitung von Kirill Petrenko und in der verblasenen Regie von Krzysztof Warlikowski

Von Robert Jungwirth

(München, 2. Juli 2019) Man kann als Opernregisseur gewiss darüber lamentieren, wie schwer es heutzutage ist, die Fin-de-Siecle-Morbidität und –Sexualität in Richard Strauss‘ Oper „Salome“ auf die Bühne zu bringen. Krzysztof Warlikowski tut dies wort- und kenntnisreich im Programmheft zu seiner Münchner Neuinszenierung von „Salome“. Vielleicht sollte man als Regisseur aber dann auch so konsequent sein, und auf eine Inszenierung verzichten, statt ein reichlich verquastes Ideenkonstrukt als Basis einer quasi rezeptionskritischen Inszenierung auf die Bühne zu stellen. Bei Warlikowski gehört „Herodes zu einer Gruppe Verfolgter inmitten einer Welt, die kulturell vom Christentum dominiert ist.“ Man mag das so sehen, und kann damit womöglich eine spannende Debatte unter Historikern und Bibelforschern initiieren. Aber was bitte soll man mit so einer Idee auf der Opernbühne, wenn sich daraus kein Bezug zur eigentlichen Handlung dieser „Salome“ ergibt? Den sucht man während der knapp 2 Stunden Opernkrimi vergebens.

Ja, man kann sich mal wieder wundern, welch seltsame und seltsam unüberzeugende Konzepte in der Intendanz von Nikolaus Bachler das Licht der Nationaltheaterbühne erblicken. Warum wird hier keine sinnfällige Produktionsdramaturgie betrieben, um das Ding vom Kopf auf die Füße zu stellen? Warum können Regisseure unausgegorene Ideen auf die Bühne stellen, nur weil sie einen Namen haben (siehe z.B. die Inszenierungen von Nitsch, Baselitz, Bieito)? Das Bachler-Theater muss sich den Vorwurf gefallen lassen, Namen über Inhalte und Aussagen zu stellen und somit Personality-Theater zu machen. Das aber ist zu wenig. Selbst Provinzhäuser bieten Überzeugenderes an. (Auch die Programmheftgestaltung ist so ein Thema am Haus: ein ungebundenes Buch im Schuber – wie originell. Wer hat eigentlich solch blödsinnige Ideen?)

Letztlich ist der gesamte Programmheft-Sermon Warlikowskis komplett unerheblich für das, was man schließlich auf der Bühne zu sehen bekommt. Das ist nämlich dann doch einfach die Geschichte einer um Liebe buhlenden jungen Frau aus der Oberschicht, die in ihrer lüsternen Umgebung Lust mit Liebe verwechselt und aus lauter Frustration und Aggression ein Menschenleben zerstört. Das kann heute kaum weniger schockierend sein als vor hundert Jahren bei der Uraufführung in Dresden. Und Marlis Petersen singt und spielt diese Frau und Stieftochter des Herodes mit grandioser Hingabe und einer ins Hysterische abgleitenden Verletzlichkeit. Ihre Stimme ist weniger füllig als konzis und konzentriert, dem Sprachduktus von Strauss‘ Komposition genau folgend und damit enorm wirkungsvoll.

Auch Wolfgang Ablinger-Sperrhacke als Herodes bleibt klar im angestammten Rollenprofil – ob verfolgt oder nicht – und gibt einen schwächlichen, um seine Fassung und Reputation bangenden Herrscher, ebenfalls mit viel Gespür für den Sprachduktus seiner Partie. Natürlich ist es auch Kirill Petrenko am Pult des Staatsorchesters, der mit aufpeitschenden Klangballungen die Geschichte um Begehren und Verwehren am Kochen hält und an manchen Stellen auch zum Überkochen bringt – und damit die Sängerinnen und Sänger zu außerordentlichen Leistungen animiert. Bei den Zwischenspielen indes tendiert Petrenko manchmal zum Dauerfortissimo, was den genau komponierten Spannungsbögen nicht unbedingt entspricht und sie auch nicht spannender macht.

Marlis Petersen und Peter Jolesch Foto: W. Hösl

Wolfgang Koch als Jochanaan ist klar und durchdringend, wenn auch nicht so balsamisch wie man diese Partie eher gewohnt ist – Warlikowski lässt ihn zur Zigarette greifen, als er aus dem Kerker geholt wird. Koch mag solche grotesken Einlagen sicher gern, aber es wirkt auch etwas albern. Pavol Breslik als Narraboth singt strahlend schön, muss nur leider die arme Salome bis zu seinem Freitod dauerbegrabschen, was auch reichlich albern wirkt. Nicht wirklich überzeugen kann Michaela Schuster als brüchig intonierende Herodias, aber vielleicht war das auch die Tagesform.

Die Bühnen- und Kostümbildnerin Malgorzata Szczesniak verlegt den Ort der Handlung in eine Bibliothek eines großbürgerlichen jüdischen Haushalts oder ist es die Gemeindebibliothek? Die Kostüme sind wohl der Zeit des Zweiten Weltkriegs entlehnt – als Anspielung auf die Judenverfolgung und -ermordung. Wie gesagt, einen Mehrwert für die Handlung lässt sich daraus nicht ableiten. Und der Kerker des Jochanaan gleicht einer Art Schwimmbad unter der Bibliothek. Ein Ärgernis auch das schreckliche, weil schrecklich grelle Licht, das fast ohne Wechsel durch zwei große Fenster in der Bühnenwand neonhell auf die Szene scheint. Das soll wohl auch wieder irgendwie cool sein, ist aber einfach nur enervierend unschön.

Ausgerechnet beim problematischen Schleiertanz der Salome hat Warlikowski doch noch eine schöne Idee: Er lässt die dem Wahnsinn anheimfallende Prinzessin einen eng umschlungenen Tanz mit dem Tod (Peter Jolesch) vollführen. Na also, da haben wir sie doch die Fin-de-Siecle-gemäße Umsetzung der Vorlage.

 

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