Sacre für einen Tänzer – À Jour am Bayerischen Staatsballett

Pas de Deux mit einer Leiche

Dem Bayerischen Staatsballett gelingt mit drei zeitgenössischen Choreographien von Yuka Oishi, Andrey Kaydanovskiy und Edwaard Liangs ein Sensationserfolg

Von Robert Jungwirth

(München, 30. Juni 2019) Die Ballettdirektion von Igor Zelensky am Bayerischen Staatsballett hat sich bislang nicht gerade durch einen Drang zum zeitgenössischen Tanz ausgezeichnet, sondern mehr durch einen gepflegten Traditionalismus. Moskauer Schule, alles in Reih und Glied, extreme Körperbeherrschung und technische Perfektion. Das war trotz vieler herausragender Leistungen der Tänzerinnen und Tänzer der Compagnie ein wenig einseitig, so dass man sich jetzt über den Abend „À Jour“ mit drei Stücken junger zeitgenössischer Choreografinnen und Choreografen (zwei davon Uraufführungen) zur besten Festspielzeit umso mehr freuen durfte. Und was war das für ein wunderbarer Abend! Intelligent und witzig, originell und körperhaft sinnlich – rundweg überzeugend und begeisternd.

Edwaard Liangs szenische Version von Schuberts Quartettsatz der „Tod und das Mädchen“ (aus dem d-Moll-Quartett) mag zwar im Wesentlichen klassische Ausdrucksformen verwenden, wirkt aber dennoch inspiriert und mit spannungsvoller Erotik aufgeladen – die Ambivalenzen von Liebe und Tod sowohl bei den drei wunderbaren Solisten (Kristina Lind, Prisca Zeisel und Henry Grey) als auch im 7-köpfigen Männerensemble (gleichsam siebenfach die Figur des Todes und zweifach die des Mädchens) werden immer wieder neu in enger Beziehung zur Musik gespiegelt. Sparsam, aber sehr ästhetisch unterstützt von Gerry Sterchis Lichtregie. Und am Ende bleiben die beiden Mädchen die Sieger, während der martialisch-viril aussehende Tod zu Boden geht und dort liegen bleibt. Triumph der Liebe über den Tod?

Als eine weitere, höchst eigenwillige Paraphrase auf das Thema „Der Tod und das Mädchen“ kann man auch Andrey Kaydanovskiys Groteke „Cecil Hotel“ ansehen, eine schrille und überaus originelle Geisterbahnfahrt durch das berühmt-berüchtigte Hotel in L.A. und seine eigenartigen Bewohner – tote und lebendige. Denn das Cecil Hotel beherbergte so schauerliche Gäste wie den 14-fachen Mörder Richard Ramirez oder den dreifachen Frauenmörder Johann Josef Unterweger. 2013 sorgte darüber hinaus der mysteriöse Tod der Studentin Elisa Lam für Aufsehen, die man leblos im Wasserspeicher des Hochhauses gefunden hat. Dass all diese Begebenheiten neben ihrer Gruseligkeit auch jede Menge Skurrilität beinhalten, machte sich Kaydanovskiy in seiner gut 30-minütigen Choreographie auf ebenso gekonnte wie abgefahrene Art und Weise zu nutze.

Zunächst hört man bei dunkler Bühne das Gegurgel einer Ertrinkenden in einer Badewanne, danach schleppt jemand eine in einen roten Teppich gewickelte Leiche über den Flur, ein anderer Mörder schiebt sein letales Opfer auf einem Servierwagen davon. Und durch ein Fenster sieht man hin und wieder jemanden nach unten fliegen, derweil ein Hotelangestellter in aller Seelenruhe den Boden der Lobby wischt. Grusel und Komik halten sich in diesem Stück geschickt die Waage – nicht zuletzt durch die hervorragend eingesetzte und verfremdete Musik (z.B. Que Sera, Sera oder Death Waltz Fantasy von John Zorn) sowie durch das überaus gelungene Hotel-Bühnenbild von Karoline Hogl, das seinerseits sehr gekonnt zwischen Realismus und Überzeichnung changiert (auch die nicht minder gelungenen Kostüme stammen von ihr). Die beiden Pas de Deux mit Leichen (Ksenia Rzyhkova, Carollina de Souza Bastos, Jonah Cook und Jinhao Zhang) sind die Highlights dieses grandiosen und an Highlights wahrlich nicht armen Stückes – das auch noch mit allergrößter technischer Perfektion getanzt wird und enorme Körperbeherrschung erfordert. Herrlich auch das Solo einer selbstmörderischen Drag-Queen, getanzt von Robin Strona. Einfach sensationell und unbedingt sehenswert!

Nicht genug loben und bewundern kann man auch das dritte Stück des Abends. „Sacre“ von Yuka Oishi bringt nicht weniger als Strawinskys berühmtes Ballett „Sacre du Printemps“ als One-Dancer-Show auf die Bühne! Eigentlich ein Wahnsinn – doch er hat bei Yuka Oishi Methode. Und mit dem herausragenden Sergei Polunin als Solisten ist ein dafür idealer Tänzer gefunden, der pausenlose knapp 40 Minuten diese explosionsartige Musik vertanzt. Beide gemeinsam haben sie denn auch die Choreographie dazu entwickelt, ausgehend von der etwas verwegenen, aber doch sehr reizvollen Idee, die Ideen, Fantasien, das kreative Nachdenken und Ausprobieren des Uraufführungs-Choreographen Vaclav Nijinsky bei der Arbeit am „Sacre“ zum Inhalt ihres „Sacre“ zu machen (Premiere war 2018 in der Schweiz). Was für eine tolle Idee! Und wie spannungsgeladen ist dieser Prozess des Gestaltens von Bewegung zu dieser noch immer unfassbar energetischen, aufpeitschenden Musik. Das stellen Oishi und Polunin auf ganz faszinierende Weise dar, man merkt die Überwältigung durch die Musik und das Bemühen, ihr tänzerisch Herr zu werden. Manchmal, nur ganz sparsam, sind auch ein paar der Bewegungen der originalen Nijinsky-Choreographie zu sehen – aber auch diese quasi als Prozess, nicht in endgültiger Ausgestaltung. Musikalisch wird dieses kreative Nachdenken über „Scare“ unterstützt durch den mehrmaligen Wechsel von der Klavier- zur Orchesterversion des „Sacre“, was eine ganz besondere Wirkung erzeugt.
Das Publikum war aus dem Häuschen angesichts dieses großartigen Dreitteilers. Mehr davon bitte! (Nur die Programmheftartikel, liebes Staatsballett, sind leider unterirdisch.)

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1 Antwort
  1. Praxedes
    Praxedes says:

    Lieber Herr Rezensent,
    ja, wirklich ein begeisternder Abend, sowohl in der Virtuosität des Tanzes, als auch in jener der Invention und der Vielseitigkeit der Choreogaphien! Wie schön, dass er in der Folgesaison wiederholt wird: einmal sehen ist definitiv zu wenig.
    Aber: Neu ist wirklich nur der Name. Auch in den beiden Vorjahren gab es im Prinze begeisternde Abende mit aktuellen Choreogrphien… bitte nicht einfach den drögen Aversions-Käse der KollegInnen abschreiben, sondern schlicht öfter hingehen – lohnt sich :):)

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