Roth-Tage Elmau

Fotographische Momentaufnahmen

Die Joseph-Roth-Tage auf Schloss Elmau versuchten dem Zauber des Schriftstellers und Journalisten nahe zu kommen
Von Robert Jungwirth
(Elmau, 17. und 18. November 2015) Wo, wenn nicht im Hotel sollte man des Schriftstellers Joseph Roth am besten gedenken? Verbrachte Roth doch die meiste Zeit seines Lebens in Hotels, widmete ihnen Artikel und sogar einen Roman: "Hotel Savoy". Roth war ein Unbehauster, ein Heimatloser und Umhergetriebener. Vor allem seit der Nationalsozialismus ihn aus Deutschland verscheucht hat. Aber er fühlte sich auch davor schon in Hotels am wohlsten, hat sich für ein Leben in ihnen bereits zu einer Zeit entschieden, als er noch als bestbezahlter Feuilletonist der Weimarer Republik sich komfortabel hätte häuslich niederlassen können. Dem nach wie vor populären Romancier und heute sehr viel weniger bekannten Feuilletonisten widmete das Hotel Schloss Elmau jetzt einen mehrtägigen Veranstaltungszyklus mit Schauspieler-Lesungen und Gesprächen mit Roth-Kennern. Was hätte der Menschenkundler und scharfe Analytiker wohl zu Schloss Elmau gesagt, diesem eskapistischen Ort für Freunde gehobener Schlaf- und Esskultur?
Nicht unbedingt würde man den phänomenalen Schauspieler André Jung mit dessen faszinierender Begabung für Verschrobenes und Absonderliches mit Roths „Radetzkymarsch“, diesem wehmütigen Abgesang auf die K&K-Monarchie, in Verbindung bringen. Doch Jung gelang es ganz wunderbar, die leise Ironie in Roths Schilderungen militärischer Konventionen und Standes-Eigentümlichkeiten einer Welt vor dem Ersten Weltkrieg nuancenreich herauszustellen.
Tags darauf gab der Ex-Verleger und bekennende Roth-Fan Michael Krüger Einblicke in Art und Bedeutung des Feuilletonisten Roth. Das zumindest stand auf dem Programmzettel. Doch Krüger reflektierte erstmal weitschweifigst über die Bedeutung und Rezeption von Exil-Literatur der 30er und 40er Jahre im Nachkriegsdeutschland und über Hannah Arendt und Paul Celan. Erst über den Umweg seiner eigenen Reiseeindrücke in Roths ehemaliger Heimat Brody und Lemberg (heute Ukraine) las er schließlich auch einige von Roths Feuilletons über die Ukraine und ihre Menschen, in denen Roth fotographische Momentaufnahmen von Menschen und Orten gelangen, die nur wenige Jahre später von der Geschichte – also vom Zweiten Weltkrieg – überrollt und vernichtet wurden.
Im (hervorragenden) hoteleigenen Buchladen von Schloss Elmau konnte man sich anhand zahlreicher neu aufgelegter und neu herausgegebener Bücher von und über Joseph Roth davon überzeugen, dass das Interesse an diesem Schriftsteller nach wie vor sehr wach sein muss. Roths tief verwurzelter Humanismus, seine Liebe gerade zu den Unterprivilegierten im Deutschland der Weimarer Zeit haben nichts von ihrer Wirkung verloren – im Gegenteil. Der verblasene und belanglose Zeitgeist- und Szene-Feuilletonismus, wie ihn manche Zeitung heute in Deutschland pflegt, könnte sich davon gut und gerne etwas abschauen.

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.