Rossin in Pesaro: Otello

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Fünf Tenöre für Otello

Nur Desdemona darf liegen Foto: Studio Amati Bacciardi


Das „Rossini Opera Festival“ in Pesaro eröffnet mit „Otello“
Pesaro, 8. August 2007) An der Adria, im kleinen Pesaro südlich von Rimini, ist alles Rossini. Hier wurde der Komponist vor 115 Jahren geboren, und hier geht jedes Jahr das ROF, das Rossini Opera Festival, über die Bühne, bei dem jeweils drei Opern des Haus-Meisters im Zentrum stehen.
Auch hier gibt es – wie überall in Italien – Probleme: Die staatlichen Zuschüsse wurden gekürzt. Der traditionelle zweite Spielort neben dem kleinen Teatro Rossini, eine Sporthalle (das Palafestival), ist seit dem letzten Jahr gesperrt. Die Ausweichhalle (Adriatic Arena) liegt weit draußen an der Peripherie. Dennoch blickt der Langzeitintendant des Festivals, Gianfranco Mariotti, wie er sagt, „erhobenen Hauptes“ in die Zukunft.
Und das kann er auch, trotz einer gewissen Regie-Ratlosigkeit, die – wie überall in Italiens Opernszene – zwischen Traditionalismus und mäßigem Reformeifer keinen plausiblen Weg findet. Die Eröffnungspremiere war heuer Rossinis legendärem „Otello“ gewidmet und wartete mit einem der großen Tenor-Stars unserer Tage auf, Juan Diego Flórez.
Die „Otello“-Handlung wurde von Rossinis Librettisten Francesco Berio di Salsa 1816 stark verändert. Rassenfragen spielen keine Rolle; Otellos Handeln wird von gekränkter Eitelkeit angetrieben. Otello (mit blassen Tiefen, aber fast heldischen Höhen: Gregory Kunde) hat in Rodrigo (dem alle überragenden Juan Diego Flórez) einen romantischen Rivalen um Desdemonas und vor allem deren Vater Elmiros Gunst. Elmiro (tapfer: Mirco Palazzi) nimmt in der Intrige einen wichtigen Platz ein; auch Emilia (Maria Gortsevskaya) hat mehr zu tun als in Verdis „Otello“.
Am Ende wird Desdemona erstochen. (Es gibt eine zweite Version der Oper mit einem guten Ende, die vor sieben Jahren beim Festival von Martina Franca zu sehen war und für die Rossini die Titelpartie für die Sopranistin Maria Malibran umgeschrieben hat.) In der originalen Fassung sind die drei Tenöre musikalisch unterscheidbar angelegt, aber von der Musik nur in Ansätzen verlebendigt. Nur manchmal – wie im Racheduett zwischen Otello und Jago – klingt schon der Verdi des „Rigoletto“-Jahres herein. Von dieser Seite gibt sich das gesamte Rossini-Projekt mustergültig. Was bei Verdi nämlich mangelt, hat der Meister aus Pesaro allemal: Seine kritische Notenausgabe. Und in der Regel Sänger, die wissen, wie man mit seiner Musik umgeht. 
In der Inszenierung herrscht hingegen die schon erwähnte Regie-Ratlosigkeit. Routinier Giancarlo del Monaco wollte kein naturalistisches Venedig auf die Bühne stellen, sondern wählte – in Anlehnung an eine berühmte Opernarie – ein abstraktes „cielo e mare“ als Spielort. In diesem himmelblauen, mit Wellen und Wolken aufgelockerten Spielwürfel lässt er neun Türen quer über die Bühne bewegen, hinter denen sich – schon in der Ouvertüre – neun lebendige Kopien des bösen Protagonisten Jago verbergen. Die Türen strukturieren im Glücksfall – wie im letzten Akt – den Raum, zuweilen bilden sie belanglose Störelemente.
Die ganze Oper hindurch dann überall Jago, der allgegenwärtige Chris Meritt, der hier vor 16 Jahren schon den Otello gesungen hat und nun als bitterböse, mutig mit der Kontrolle um die eigene Stimme ringende Charakterfigur auf der Bühne steht. Denn Stehen ist auch bei del Monaco oberstes Gebot. Einzige Ausnahme: Desdemona (Olga Peretyatko), sie wird dauernd zu Boden geworfen, vom Vater, von den Liebhabern. Dort singt sie dann und ringt die Hände. Der Chor ist auf zwei ausfahrbare Balkone verbannt.
 
Dirigent Renato Palumbo am Pult des Orchesters des Teatro Comunale di Bologna hielt seine Musiker meist in einem Belcanto-Dämmerschlaf und erweckte nur gelegentlich hinter dem Schön-Klang das Rossini-Feuer. Den Rest der Zeit fackelt er – insbesondere bei den Rezitativen – irgendwo im zarten Piano-Untergrund umher.
Anton Sailer

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