Romitelli

Magma von Bildern und Klängen

Foto: Regine Heiland

Das Münchner Ensemble Piano Possibile führt am 11., 12. und 13. Juli Fausto Romitellis und Paolo Pachinis Video-Oper "An index of metals" auf – ein Vorbericht
(München, 10. Juli 2009) Eine Taucherausrüstung ist diesmal noch nicht erforderlich, aber die Bereitschaft, sich intensiven Farb- und Formspielen und nicht minder aufpeitschenden Klängen bedingungslos auszuliefern. Denn noch vor der für nächsten Sommer geplanten "Unterwassermusik" in einem Freibad hat das Münchner Ensemble "piano possibile" Fausto Romitellis selten gespielte einstündige Video-Oper "An index of metals" einstudiert. "Wir haben ‚Professor Bad Trip – Lesson 2 und 3‘ von ihm schon gespielt und er ist neben Bernhard Lang und Riccardo Nova  einer unserer Lieblingskomponisten", betont Philipp Kolb, Trompeter und neben Klaus Schedl Organisator und "einer der rauchenden Köpfe" des Ensembles: "Er passt, vor allem in seinen späteren Werken, die sich nach allen Seiten hin öffnen, perfekt in unsere Neuorientierung. Denn seit gut zwei Jahren suchen wir mehr nach der Musik von morgen, als die von heute oder gestern zu bedienen. Deshalb haben wir auch schon Djs geholt, die existierende Stücke verfremdeten, die im ersten Teil des Konzerts als Original zu hören waren."
Mit ‚An index of metals‘ beschreitet das Ensemble, das im nächsten Jahr an einem großen Musiktheaterprojekt von Klaus Schedl für die Biennale mitwirken wird, neue Wege: "Es ist unser Projekt mit dem bisher größten Aufwand. Das hat schon mit der Einrichtung des Materials begonnen und der Frage der Rechte, deren Abgeltung allein 15 Prozent des Etats auffraß. Wir mussten Partitur und elektronische Zuspielungen mühsam synchronisieren, weil die Noten dafür keine Hinweise gaben oder gar Partitur, Stimmen und  die DVD-Einspielung in Widerspruch standen. Wir mussten Raum, Klänge und Bild minutiös aufeinander abstimmen. Die eigentliche Probenarbeit an der genau notierten Partitur war letztlich das Einfachste."
Der 40-jährige Romitelli beschreibt die im Jahr vor seinem Tod am Ende einer zehn Jahre dauernden Krebserkrankung als eine Art Requiem entstandene "Light-Show" emphatisch als "Geschichte von der Verschmelzung der Wahrheit, von der Abwesenheit von Grenzsteinen und Orientierungspunkten, vom Hinfort entgrenzter Körper im Hochofen einer rituellen Messe". Auf drei großen Leinwänden (jeweils 3 x 4 Meter) sind über die gesamte Breite der Reaktorhalle Paolo Pachinis Licht-Reflexionen aller Formen von Metall und Glas unter Druck und Erhitzung zu sehen, während die elf Instrumentalisten (drei Streicher, drei Holzbläser, Trompete, Posaune, Klavier, E-Gitarre und E-Bass), die Sängerin Anna Maria Bogner und Dirigent Johannes Kleinjung in der Mitte darunter sitzen. Sie werden mit Elektronik-Zuspielungen verfremdet und sind über im ganzen Raum verteilte Lautsprecher zu hören.
Von bunten Schlieren, schwebenden Sternen, die zu Kaleidoskopen gerinnen, über gläserne und metallische Oberflächen, tanzende Quecksilbertropfen in slow motion bis hin zu einem brausenden Finale reicht das optische Spektrum in Synästhesie mit immer wieder "verschmutzten", aufgerauten, verfremdeten Klängen: "Musik und Bild verwenden beide die gleichen physikalischen Besonderheiten, einschließlich Irisierung, Korrosion, plastische Deformation, Bruch, Weißglut und Sonnenbestrahlung von metallischen Oberflächen und verraten so ihr inneres Gewaltpotential und gar mörderische Neigungen", beschreibt der Komponist die enge Zusammenarbeit mit Pachini und Leonardo Romoli.
Teils komponiert Romitelli komplexe Kammermusik, teils bricht er in Richtung Rock und Pop aus, macht seine Musik selbst durchlässig für Techno à la Pan Sonic oder treibt sie in psychedelisch anmutende Wiederholungsstrukturen. Die zunehmende Beschleunigung, die sich daraus ergibt, erfasst auch die Singstimme. Am Ende wird aus ihr durch die englischen Songs unter dem Titel "Metalsushi" nach Texten von Kenka Lèkovich neben der Präsenz des Lichts – dem eigentlichen Protagonisten – ein Individuum, das sich immer atemloser, expressiver und aggressiver mit immer wilder skandierten Wörtern äußert. Das geschieht parallel zur Konkretisierung der Bilder, die nun manisch in einer Waschtrommel kreisenden, farbigen, kleinteiligen Müll zeigen, der scheinbar in Flammen aufgeht: "Ziel von ‚An index of metals‘ ist es, die profane Form der Oper in eine Erfahrung von totaler Wahrnehmung zu verwandeln, indem die Zuschauenden in eine glühende Materie eingetaucht werden, welche gleichzeitig leuchtend und klangvoll ist, ein Magma von fließenden Klängen, Farben und Formen, ohne Handlung bis auf jene der Hypnose, Besessenheit und Trance", so der Komponist.
Klaus Kalchschmid
"An index of metals" ist am 11., 12. und 13. Juli (jeweils 20.30 Uhr) in der Reaktorhalle zu erleben. Es spielt "piano possibile" unter Leitung von Johannes Kleinjung, die Sopran-Solistin ist Anna Maria Bogner. Karten über München Ticket und an der Abendkasse.


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