Roger Norrington

Kontrastreicher Klangkosmos

Roger Norrington mit dem SWR-Radio-Sinfonieorchester zu Gast in München
(München, 19. Januar 2011) Sir Roger Norrington ist ein Wachmacher – selbst mit sattsam bekanntem Repertoire. Da konnte sich beim Gastspiel des 75jährigen Briten und seines Radio-Sinfonieorchesters Stuttgart, Mittwoch im Gasteig, niemand zurücklehnen und mit wohl vertrauten Klängen wegdämmern. Nein, Norrington "zwang" zum Hinhören und überraschte – vor allem bei Brahms – mit seiner eigenwilligen Lesart.

Die eröffnenden Takte des ersten Klavierkonzertes d-moll klangen nicht nur dramatisch, sondern aufwühlend, ja ruppig und auch Solistin Yuja Wang ließ neben aller Zartheit das Wilde bei Brahms heraus. Norrington ging es nicht um eine Interpretation aus einem Guss, sondern darum, einen kontrastreichen Kosmos hör- und erlebbar zu machen, das Widerborstige nicht einzuebnen. Die 23jährige Pianistin, die das Werk erstmals interpretierte, nahm die Herausforderung an und gliederte sich selbstbewusst in den Orchesterklang ein. Im Adagio schien sie zu fantasieren und das Orchester reagierte "spontan" darauf. Ob bei den grollend in die Tasten gewuchteten Trillern des Kopfsatzes, beim Fast-Verstummen in Pianissimo-Passagen oder beim ungestümen Sprung ins Rondo-Finale – Yuja Wang verstand sich bestens mit den Stuttgartern und ihrem frohgemuten Meister, der nach 13 Chefjahren im Sommer seinen Abschied nimmt.
Damit das Holz noch knackiger töne, verdoppelte Norrington die Besetzung bei Beethovens Siebter und arbeitete ihr Profil im Allegretto plastisch-bewegt heraus. Der Kopfsatz kam leichtfüßig daher und sprühte vor Lebensfreude, das Scherzo überrumpelte – kleine Schroffheiten inbegriffen – und das Finale stampfte deftig daher und tönte zuweilen fast schräg.
Freudige Begeisterung und eine "Sommernachts"-Zugabe.
Gabriele Luster


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