Rigoletto Salzburg

Opernkritik: Rigoletto

Brutales Masken-Spiel

Ivan Inverardi, Eri Nakamura, Rame Lahaj und Tamara Gura Foto: Christina Canaval

Amélie Niermeyer inszeniert einen verstörend intensiven „Rigoletto“ in Salzburg, der auch musikalisch überzeugt
Von Klaus Kalchschmid
(Salzburg, 29. Oktober 2014) Wie im Edel-Bordell suchen sich die aufgegeilten Männer die ihnen genehmenen Frauen unter den uniform herausgeputzen Blondinen im aufreizenden orangefarbenen Negligée aus und zerren sie ins Nebenzimmer. Spätestens, wenn kleine Mädchen von einer Domina hereingeführt werden, die mit ihren Slips um die Knöchel „tanzen“ müssen und dann halbnackte kleine Jungs, die Masken tragen und von den „Höflingen“ herumgeschubst oder gar misshandelt werden, ist klar: Dieser „Rigoletto“ lehnt sich an Pier Palos Pasolinis letzten Film „Salò“ an, der bis heute in seiner vollständigen Fassung nicht in Deutschland verkauft werden darf und auch die entschärfte Version nur mit der Einschränkung FSK 18, so drastisch zeigt er eine degenerierte Adelsgesellschaft, die sich junge Männer und Frauen als (nicht nur) Sexsklaven hält.
Daran knüpfen Amélie Niermeyer, die im Salzburger Landestheater schon grandios „Wozzeck“ und „Titus“ inszeniert hat, ihr Bühnenbildner Alexander Müller-Elmau und Kirsten Dephoff (Kostüme) im Haus für Mozart an. Denn auch die herrschaftliche Architektur, die Müller-Elmau mit ihren zahlreichen hölzernen Doppeltüren baute, hat weniger mit italienischer Renaissance zu tun, als mit dem Faschismus der 1930er oder 40er Jahre, den auch die Uniformen des Wachpersonals und die Stiefel der anderen Männer andeuten. Diese Bühne hat es in sich, denn sie zeigt ein mehrstöckiges Haus, dessen einzelne Ebenen ein Fahrstuhl verbindet. Deshalb heben und senken sich verschiedene  Wände über dem immer gleichen Ausschnitt der Türen. So haust Rigoletto mit Gilda im unverputzten, feuchten Keller, der Herzog im Boudoir mit fein gefälteten lila-pinken Vorhängen, seine Repräsentationsräume starren vor kaltem Marmor, die Welt des gedungenen Mörders Sparafucile ist eine beunruhigend holzgetäfelte.
Am Ende sind wir auf dem Dach des Hauses gelandet, der Aufzug ist ins Zentrum gerückt und Rigoletto findet im fest verschlossenen Sack seine tote Tochter, die sich für ihren geliebten armen Studenten Gautier Maldé – wie der Herzog sich ihr vorstellte – geopfert hat. Doch diesmal singt die Sterbende nicht mehr, denn exakt zur wild aufbrausenden Musik hat man sie gleich mit Dutzenden von Messerstichen gemeuchelt. Vielmehr denkt Rigoletto sich das in seiner besinnungslosen Trauer nur aus. Also steht hinter ihm, der den entseelten, blutüberströmten Körper seiner Tochter wiegt, ihr Geist, dem rein und engelsgleich die letzten Worte entströmen. In Gestalt von Eri Nakamura findet das überbehütete und darum so gefährdete Mädchen Gilda die in jeder Hinsicht ideale Verkörperung: ein wunderbar gehaltvoller Sopran, der dennoch eine leichte Höhe besitzt und dabei eine Sängerdarstellerin, die auch ungemein charaktervoll differenziert spielen kann.
Der erst 31-jährige Rame Lahaj ist als Herzog eine in jeder Hinsicht verführerische Erscheinung und mit einem edlen, kernigen, männlichen Tenor-Timbre gesegnet, das er souverän einsetzt. Der Rigoletto von Ivan Inverardi dagegen ist ein tapsiger Narr, der auch mit seinem prallen Bariton etwas von Falstaff hat und noch mit Totenkopf-Maske nichts Gefährliches besitzt. Das reizt die Höflinge des Herzogs umso mehr, die halbnackt in edlen Morgenmänteln, barfuß in schwarzledernen Hausschuhen oder mit Sockenhaltern, zeigen, dass sie dem Bett nur ungern entfliehen, was auch immer das heißen mag. Die Herren von Chor und Extrachor des Salzburger Landestheaters singen und spielen diese Gelangweiltheit, die so schnell in rüde Gewalt umschlagen kann, hervorragend.
Und auch das Mozarteumorchester Salzburg spielt in der hier besuchten dritten Vorstellung unter Adrian Kelly ausgezeichnet: Plastisch, trennscharf und mit einem großen Ambitus von größter Zurückhaltung bis zum schneidenden Fortefortissimo.
Eine Fahrt an die Salzach lohnt sich also auch außerhalb der diversen Festspiele. Mehr noch: dies ist eine Aufführung, die größeren Häusern alle Ehre machen würde, sind doch auch von den mittleren Partien wie Sparafucile (Alexey Birkus) und Maddalena (Tamara Gura) bis zu den kleinen alle exzellent besetzt.
Weitere Aufführungen: 2. November (15 Uhr), 4. (19.30 Uhr), 8. (17 Uhr) und 12. November 2014 (19.30 Uhr)

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