Rattle Lachenmann

Skeptisches Komponieren

Simon Rattle Foto: Monika Rittershaus

Simon Rattle kombiniert Mahlers Neunte mit "Tableau" von Helmut Lachenmann
(Berlin, 3. November 2011) Gibt es Verbindungslinien zwischen zwischen Helmut Lachemann und Gustav Mahler? Auf den ersten Blick wohl kaum. Hier der Skeptiker des Schönen, der Musikanalytiker und -hinterfrager mit seinem geradezu sezierenden Blick auf die Musik und ihre Geschichte. Dort der letzte Musikromantiker, der Beschwörer musikalischer Schönheit aus dem Geist von Vergänglichkeit und Vergeblichkeit. Und doch reichen sich beide Komponisten über alle Unterschiede hinweg in Mahlers Neunter imaginär die Hände, thematisiert Mahler hier doch neben allen biographischen Bezügen (Krankheit, Todesahnung) auch den Zweifel an der Geschlossenheit symphonischen Komponierens, lässt er die Ordnungssysteme und ihre Motivik auf geradezu moderne Weise aufbrechen. Der Komponist und Musikologe Dieter Schnebel spricht vom "Eindruck des Ungestalteten und Zufälligen" im Zusammenhang mit diesem Werk.

Das kompositorische Ich dissoziiert, es kommt der (traditionellen) Welt abhanden – oder die traditionelle Welt ihm. Diese Welt, die sich im Aufbruch in die Moderne befindet – Schönberg komponiert zeitgleich seine ersten freitonalen Stücke – und die dabei am Rande des Abgrunds von 1914 steht. All dies spürte, wusste Mahler und spiegelt es in seiner letzten vollendeten Symphonie, die übrigens keine Tonartenbezeichnung mehr trägt. Ein Werk des Abschieds und der Auflösung. Insofern gibt es also durchaus Verbindungen zwischen beiden Werken/Komponisten, und es ist eine wunderbare und auch mutige Idee von Simon Rattle, Mahlers Neunte mit "Tableau" für Orchester von Lachenmann zu kombinieren.

Der suchende Anfang von Mahlers Neunter ist eine Art Fortsetzung von Lachenmanns Materialdiskurs in Tableau mit anderen Mitteln. Eine Hörerfahrung, die nur machen kann, wer die Werke in direkter Gegenüberstellung erlebt. Lachenmanns 1989 uraufgeführtes, etwa 15minütiges Werk lässt perkussiven, sforzatohaften Initialzündungen fragend unbestimmte piano-Klänge folgen, manchmal auch geräuschhaft unbestimmte. Die daraus resultierende Spannung bietet Raum für allerhand Gedanken über das Werden und Vergehen von Musik – die berühmte unanswered question. Mit dieser Frage wird eineinhalb Stunden später Mahlers Symphonie schließen. Klar und präzise klingt dieses Lachenmann-Stück in der Wiedergabe durch die Berliner Philharmoniker, aber auch mit metaphysischer Tiefe.

In Mahlers Symphonie akzentuiert Rattle entsprechend vor allem das Zerrissene, Heterogene, setzt auf scharfe Kontraste. Vom idyllischen Naturton im ersten Satz ist nichts zu spüren, auch das Wehmütige kommt hier eigentlich nicht vor. Die Ländlermotivik des zweiten Satzes kracht in den Saal, dass man schier erschrickt. Faszinierend gelingt die Motivzersplitterung im dritten Satz, natürlich auch dank phantastischer Einzelleistungen der Musiker.
Höhepunkt ist aber dennoch der Schlusssatz mit seinem streichersatten Hauptthema, bei dem das Orchester wie ein einziges gigantisches Rieseninstrument klingt. Das ist schon sensationell und überwältigend.
Diesseitiges Verklingen bis zur Unhörbarkeit zum Schluss. Eine Abschiedssymphonie und ein Aufbruch gleichermaßen.

Robert Jungwirth

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