Rafal Blechacz

Ein erstaunliches Talent

Rafal Blechacz Foto: Felix Broede / DG

Rafal Blechacz mit einem reinen Chopin-Programm im Münchner Herkulessaal
(München, 23. November 2007) Zu Chopin fühle er sich besonders hingezogen, sagt der 22jährige Pianist Rafal Blechacz im Interview. Wie sollte es auch anders sein, wenn man den Warschauer Chopin-Wettbewerb gewonnen hat (2005) und die gerade veröffentlichte erste CD (bei Deutsche Grammophon) eine reine Chopin-Scheibe ist. Doch noch – so scheint es – ist Blechacz kein Opfer seines eigenen Marketings bzw. dem seiner Plattenfirma. Er möchte, sagt er, im Jahr nicht mehr als 40 Konzerte geben, um Zeit zu haben, sein Repertoire zu erweitern. Das klingt vernünftig und ungetrieben.
Passend zur CD-Veröffentlichung spielte Blechacz bei seinem zweiten Münchner Auftritt im Herkulessaal ein reines Chopin-Programm: die Préludes, zwei Nocturnes (op. 62) und die gewichtige h-moll-Sonate.
Man scheut sich etwas davor – weil es so klischeeträchtig ist – Blechacz‘ besonderen Bezug zu Chopin zu bestätigen, aber es hört sich tatsächlich so an, als sei es so. Die Musik seines Landsmanns scheint dem jungen Blechacz geradezu aus den Fingern zu strömen, völlig natürlich, ohne angestrengte Willensarbeit. Die Leichtigkeit, das Leggero seines Allegro-Spiels ist bewundernswert, etwa im cis-moll- oder im b-moll-Prélude. Sehr virtuos, aber dennoch markant spielte er das Presto des gis-moll-Préludes, wenngleich ihn die dynamischen Möglichkeiten der Stücke (noch) eher wenig interessieren. Natürlich kann man von einem 22Jährigen nicht den Tiefgang eines gereiften Musikers erwarten, aber Blechacz demonstriert sehr deutlich, dass er mehr zu bieten hat als staunenswerte Virtuotität. Hier wird bereits eine künstlerische Persönlichkeit hörbar, von deren weiterer Entwicklung man sich einiges erhoffen darf.
Die weitaus komplexere h-moll-Sonate – ebenso wie die größer dimensionierten Nocturnes (H-Dur und E-Dur) – schienen Blechacz erstaunlicherweise noch mehr zu liegen als die kleinteiligen Préludes. Hier wurde klar, dass Blechacz auch über die Fähigkeit verfügt, in größeren musikalischen Zusammenhängen zu denken, größere Bögen zu gestalten, mehr noch in die Tiefe der Musik zu loten. Das Publikum war hingerissen.
Er wirkt noch recht jugendlich, der Shootingstar aus der polnischen Provinz, und in den Smoking – scheint es – muß er auch noch etwas hineinwachsen. Aber 22 Jahre ist ein gutes Alter für den Beginn einer ernsthaften Musikerkarriere, und Blechacz hat die besten Voraussetzungen dafür. Bleibt zu hoffen, dass seine Agenten und er selbst sich die Zeit geben, um aus einem Riesen-Talent einen wirklich großen Musiker werden zu lassen.
Robert Jungwirth

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