Rafal Blechacz

Atmendes Klavier

Rafal Blechacz Foto: DG

Rafal Blechaczs Klavierabend im Münchner Prinzregententheater

(München, 8. Oktober 2011) Sucht man unter den jüngeren Pianisten nach dem größtmöglichen Gegensatz zu Lang Lang, muss man wohl unweigerlich auf Rafal Blechacz kommen: Zurückgezogen lebt der auf dem polnischen Land, gibt nur ein paar Dutzend Konzerte im Jahr, scheut das Jetset-Leben, meidet jedes Showgehabe und hat keinerlei Sinn für Äußerlichkeiten – sein Anzug scheint ihm mehrere Nummern zu groß zu sein, so sehr schlackert das Sakko an dem schmächtigen Mann. Blechazs Konzentration gilt dem Notentext, dem er sich mit einer Akribie widmet, die bei seinem Soloabend im Münchner Prinzregententheater schon von den ersten schlichten Takten von Mozarts "Lison dormait"-Variationen an für ihn einnimmt. Graziös kommt das dem Werk zugrundeliegende französische Volkslied daher, verschmitzt wirbeln die neun Variationen das Thema durcheinander. Blechacz behandelt den Steinway, als sei er ein Clavichord, lässt den Tönen Luft zum Atmen.

Präzise und schlank ist Blechaczs Anschlag, sorgsam abgewogen wirkt das Gewicht jeder Note, keinesfalls soll das Pedal zu viel verschleiern. Einem Stück wie Karol Szymanowskis erster Klaviersonate tut ein solcher Ansatz besonders gut. Etwas zu viel Skrjabin und Chopin stecken in diesem Frühwerk des polnischen Komponisten, dessen finale Fuge so überladen wirkt, dass es fast schon eine gewisse Komik hat. Blechacz meidet hier jeden Bombast, fächert die Strukturen auf, sodass das Werk eine unvermutete Klarheit gewinnt. Als Kleinod entpuppt sich der dritte Satz, ein anmutiges Menuett in heiter-pastoraler Stimmung.

Warum Blechacz allerdings Debussys "L’Isle Joyeuse" zwischen Mozart und Szymanowski ins Programm gepackt hat, blieb ein Rätsel – dramaturgisch machte das keinen Sinn, und auch in interpretatorischer Hinsicht war das Ergebnis enttäuschend: Weder interessierte sich Blechacz besonders für die abrupten Stimmungswechsel,  noch kostete er den dionysischen Taumel der Schlusstakte wirklich aus – selten hat man nach diesem pianistischen Reißer so wenig Applaus gehört.

Hier zeigte sich ein Mangel an Blechaczs Spiel, der im zweiten, ausschließlich Chopin gewidmeten Teil des Abends noch auffälliger zu Tage treten sollte: Bei aller stupenden Musikalität und intellektuellen Durchdringung des Notentextes fehlt ein wenig der Sinn für die emotionalen Tiefenschichten der Partituren. Dass die nobel-heroische Geste von Chopins Polonaisen weitaus extrovertierter gedacht ist als das intime Drama der Mazurken, war hier nicht erlebbar. Blechaczs Chopin-Ton ist prächtig und im leggero ein Wunder an Leichtigkeit – nicht umsonst hat der Pianist beim Warschauer Chopin-Wettbewerb 2005 sämtliche Preise abgeräumt und 2010 den Jahrespreis der deutschen Schallplattenkritik für die Einspielung der Chopin-Konzerte erhalten -, aber er ist auf die Dauer ein wenig zu einförmig. Vielleicht sollte der inzwischen 26-jährige Musiker, der noch zuhause wohnt und Eltern und Schwester am liebsten auch zu Konzerten ins Ausland mitnimmt, einmal ein wenig die Leinen loslassen. Dass er das kann, hat er in der den Abend beschließenden Ballade op. 38 Nr. 2 bewiesen. Offensichtlich beflügelt von einer exaltierten Bravoruferin nach den vorangegangenen Mazurkas op. 41 warf Blechacz sich in dieses stürmisch-zerrissene Stück, dass es eine Freude war: Da war Feuer, da war der Mut so viel zu wagen, dass auch mal etwas schiefgehen kann. Es brodelt etwas in diesem zurückhaltenden jungen Mann. Noch aber bleibt zumeist der Deckel drauf.

Markus Schäfert

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