Quatuor Ébène

Let’s jazz

Das Quatuor Ébène spielt Jazz und Filmmusik in den "Folies Bergère" in Paris und auf seiner neuen CD
(Paris, 15. November 2010) Letztes Jahr haben sie ihr 10-jähriges gefeiert, auf halbem Weg gewannen sie 2004 den ARD-Wettbewerb in München und jetzt endlich haben sie sich getraut, das auf CD zu bannen, was man bislang hauptsächlich in immer wieder neuen Versionen als kleines Schmankerl nach klassischen Konzerten auch in den heiligen Hallen etwa des Herkulessaals hören durfte oder schon mal – dann aber in Gauting oder Schloss Nymphenburg – als ganzes Konzert an der Seite von Schlagzeuger Richard Héry: das Quatuor Ébène einmal nicht mit Haydn, Beethoven, Brahms oder Bartók, sondern mit Jazz- und Filmmusik-Standards von "Pulp Fiction" über "Modern Times" bis "Philadelphia" und "Ocean’s 12"; von "Somewhere" und "Come Together" bis "All Blues" – in eigenen Arrangements.
So ungewöhnlich und doch zugleich vertraut die einzelnen Titel der CD "Fiction" (Virgin) für ein klassisches Streichquartett sind, außerordentlich und legendär war der Ort, an dem das Quatuor Ébène mit einem zweistündigen pausenlosen Konzert das komplette Programm der Scheibe – und noch viel mehr – spielten, ebenfalls: das "Théatre des Folies Bergère" in Paris, ein Tempel des Varietés, der Kabaretts und Revuen, das heute vor allem Musicals beherbergt. Seit der Eröffnung 1890 hat sich wohl kaum etwas an den verrückten, wie von Salvador Dalí gestalteten Foyers in verschiedensten Blau und Grün-Tönen, matt vergoldet, und dem schrägen Innenraum geändert. Nur dass einst die attraktivsten Prostituierten Karten bekamen, mit denen sie 14 Tage Eintritt hatten, um dezent ihrem Gewerbe nachgehen zu können, gehört wohl schon lange der Vergangenheit an.
Der rote Plüsch ist also abgewetzt, das Rosa des Rüschenvorhangs hat schon besser Zeiten gesehen, die braune Farbe der hölzernen Sitze ist abgeblättert, aber gerade das macht den besonderen Reiz aus, und es ist der perfekte Schauplatz für die Offenbarung "dieses Traums, nennen wir ihn "Fiction", dieser falschen Realität eines Streichquartetts, das spielt und improvisiert, um zu der Freiheit zu gelangen, die alle klassischen Musiker der Vergangenheit schon hatten", so die Quartett-Musiker im CD-Beiheft.
Ganz in diesem Sinne erkennt man manche Tracks der CD im Livekonzert kaum mehr wieder: Da gibt es in "Over the rainbow" mit Natalie Dessay, die extra für zwei Songs (darunter Michel Legrands "What are you doing the rest of your life – leider nicht auf CD!) vorbeigekommen war, plötzlich einen großen, virtuosen Mittelteil. Auch Stacey Kent mit "Les eaux de mars" und vor allem "Corcovado" live zu erleben, war ein Genuss. Selbst "All Blues/So what" von Miles Davis, ohne das kein Konzert der Ébènes zu Ende geht, klang diesmal wieder anders, freier, frecher, scheinbar wie neu erfunden.
Dass Pierre Colombet mit seiner Geige so richtig losfetzen kann, konnte man sich nach so manchem klassischem Solo denken, dass auch der zweite Geiger, Gabriel Le Magadure ein solches bei "Nothing Personal" von Don Grolnick entfesselt hinlegen konnte, verblüffte schon eher. Und Raphaël Merlin als Jazzer nicht nur sein Cello wie einen Bass zupfen zu hören, sondern es auch zu sehen – und ihn als eloquenten, launigen Moderator zu erleben -, das war kein geringer Reiz an diesem an akustischen und optischen Reizen (es gab eine Spiegelwand hinter den Musikern!) so reichen Abends. Wer Bruce Springsteens wunderbares "Streets of Philadelphia" (gesungen von Bratscher Mathieu Herzog!) vermisst hatte, bekam es dann doch noch als Zugabe zu hören. Aber der Hit auf CD wie live ist doch "Someday my prince will come" (ursprünglich aus Walt Disneys "Schneewittchen", dann zum Jazz-Standard mutiert), hier wunderbar mehrstimmig gesungen – mit verkehrten Rollen: Geiger (Pierre) singt Bass, der Cellist Sopran!
Klaus Kalchschmid

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