Prohaska

Konzertkritik: Anna Prohaska

Wo die schönen Trompeten blasen

Anna Prohaska Foto: Holger Hage / DG

Anna Prohaska und Eric Schneider präsentierten ihren gemeinsamen Liederabend „Hinter den Linien“ mit Liedern über den Krieg in Köln
Von Christoph Zimmermann

(Köln, 19. November 2014) Mit einem schier überwältigenden Pianissimo beendete die Sopranistin Anna Prohaska ihr von Eric Schneider begleitetes Recital in der Kölner Philharmonie, welches zugleich ihr Debüt in diesem Hause war. Nicht nur der extrem starke Beifall nach den Liedgruppen, sondern auch die Autogrammschlange nach der Veranstaltung bestätigte, dass dieser Auftritt als veritables Ereignis empfunden wurde. Noch mehr freute allerdings, in welch atemloser Stille das Konzert insgesamt verfolgt wurde.

Nun gab es freilich auch ein ausgesprochen engagiertes Programm zu hören, welches Besuchern von der inhaltsgleichen CD „Hinter den Linien“ („Behind the lines“) vielleicht schon bekannt gewesen sein mochte. Es beinhaltete Lieder über den Krieg aus den verschiedensten Musikepochen. Bei der aktuellen Erinnerung an 1914 liegt die Werkwahl  durchaus nahe.

Die ausgewählten Gesänge beleuchteten das Thema von verschiedenen Seiten. Die Euphorie Klärchens (Ludwig van Beethoven Musik zu Goethes „Egmont“) kann kaum als Kriegsbegeisterung ausgelegt werden, stellt vielmehr ein leicht pubertäres Liebesbekenntnis dar. Bei „Beat drums“ von Kurt Weill/Paul Whitman wiederum sollte trotz des etwas aufpeitschenden Titels der bittere Unterton erkennbar sein. Befremdlich mag schon eher die rigorose Kaisertreue eines zu Tode verwundeten Soldaten in „Die beiden Grenadiere“ von Robert Schumann/Heinrich Heine wirken. Franz Liszts „Jeanne d’Arc au bucher“ (eine veritable Werkentdeckung) ist geprägt von religiös-politischem Sendungsbewusstsein.

Ein solches ist in Francis Poulencs „Retour du Sergeant“ längst im Schlamm der Kriegsfelder versunken. Auch sonst widmeten sich die von Anna Prohaska ausgewählten Lieder gerne Begebenheiten von privatem Schicksals-Anstrich. Da wäre beispielsweise der gleichzeitige Tod von Vater und Sohn an der Front („Darge fort wo Veteran“ – neuerlich von Weill/Whitman) oder der vermutlich endgültige Abschied eines Rekruten von seinem Mädchen (Gustav Mahlers „Wo die schönen Trompeten blasen“). Auf den Text Hans Christian Andersens über einen Soldaten, der aufgrund von militärischem Ehrenkodex zur Exekution seines geliebten Freundes gezwungen wird, darf sich ein schwaches Gemüt im Grunde erst gar nicht einlassen (Vertonung: Robert Schumann).

Anna Prohaskas zarter, in seiner Expansion freilich genügend saalfüllender Sopran wurde von manchen Liedern zwar in nicht unbedingt genuine vokale Ausdrucksbereiche geführt, aber der Sängerin gelang bestechend, solche Extreme auf individuelle Möglichkeiten umzupolen. Ihr ganz großes Plus ist der Pianoausdruck, die weich flutende Melodieführung, die sensible Artikulation. Eric Schneider erwies sich mit seinem Klavierspiel als eminent feinfühliger Partner der Künstlerin, unterstützte ihren mirakulösen Gesang aufs Stimmigste. Das wurde bei Mahler besonders evident, galt es hier doch auch, die reichen Farben der wohlbekannten Orchesterversion zu imaginieren.

Dieser Sternstunden-Abend, welcher mit dem Volkslied „Es geht eine dunkle Wolk herein“ begonnen hatte, war auch in seinem gesamten dramaturgischen Aufbau ungemein faszinierend. Deshalb sollten die noch nicht genannten Komponisten nachgetragen sein: es waren Hugo Wolf mit „Tambour“ und „Soldat“, Sergej Rachmaninow mit „Ich fand Gefallen an meiner Trauer“ (von Anna Prohaska in Originalsprache gesungen), Charles Ives mit „Fear non more the heat o’the sun“, weiterhin von Michael Cavendish „Wandr’ing in this place“, von Franz Schubert „Kriegers Ahnung“ und „Ellens Gesang I“ sowie – eine besondere Trouvaille – das Georg-Trakl-Gedicht „Untergang“, vertont von dem 17(!)jährigen Wolfgang Rihm.

Trotz des engagierten Programms wurde man als Zuhörer zwangsläufig besonders stark durch Anna Prohaskas zauberische Stimme und Eric Schneiders feingetöntes Klavierspiel in Bann gezogen, so dass manche inhaltlichen und musikalischen Nuancen der Werke vielleicht nicht auf Anhieb und in Gänze  erfasst wurden. Man tat also gut daran, zu Hause noch einmal den exzellenten Einführungstext Oliver Binders nachzulesen.

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