Porträt Cuarteto Casals

Jedem Komponisten seinen Klang

Cuarteto Casals Foto: Molina Visuals

Porträt des spanischen Cuarteto Casals, das am 15. November bei den Badenweiler Musiktagen zu hören sein wird
Von Georg Rudiger
(November 2015) Das Baby meldet sich immer wieder während des Telefonats und fordert Aufmerksamkeit. Knappe drei Monate Babypause hatte sich die Geigerin Vera Martínez diesen Sommer genommen: „Wenn ich nochmals entscheiden könnte, würde ich mir mehr Zeit nehmen. Obwohl es gar nicht so einfach ist, wieder ins normale Quartettleben zu finden. Muttersein allein ist schon ein 24-Stunden-Job.“ Bei den Badenweiler Musiktagen ist Vera Martínez wieder als Geigerin des spanischen Cuarteto Casals mit an Bord.
Das 1997 in Madrid gegründete Streichquartett, das bis auf den 2002 dazugekommenen amerikanischen Bratschisten Jonathan Brown aus Spaniern besteht, wechselt je nach Repertoire den Primarius. „Bis zur Klassik spielt Abel Tomàs Realp die erste Violine. Wir verwenden dafür auch spezielle Klassikbögen, um stilistischer näher dran zu sein. Ab dem romantischen Repertoire bin ich die Primaria“, sagt die Spanierin, deren Mutter aus Bremen kommt, in akzentfreiem Deutsch. Das klangliche Ergebnis dieser Praxis ist höchst überzeugend. Mozarts Haydn-Quartette gewinnen in ihrer aktuellen CD durch die vibratoarme, leicht geschärfte Tongebung an Durchsichtigkeit. Bei der Schubert-Aufnahme aus dem Jahr 2002 ist das Klangbild dunkler, wärmer und voller. Gleich geblieben ist die Lust am genau gestalteten Detail und der klaren Phrasierung. Auch das gemeinsame Atmen und der durchaus dramatische Zugriff verbinden die Interpretationen miteinander.
Als sich die Brüder Arnau (Violoncello) und Abel (Violine) Realp und Vera Martínez an der Musikhochschule in Madrid 1997 kennenlernten, gab es noch kein spanisches Profiquartett. „Wir hatten somit auch kein Vorbild und mussten unseren eigenen Weg finden“, sagt die 37-jährige Geigerin. Wichtige Lehrer für das Ensemble waren Walter Levin und das Alban Berg Quartett. Bereits im Jahr 2000 gewann das Ensemble den ersten Preis der London String Quartet Competition, dem zwei Jahre später ein weiterer bei dem internationalen Brahms-Wettbewerb Hamburg folgte. Inzwischen gehört es international zur ersten Liga der Streichquartette und konzertiert in der Carnegie Hall in New York genauso wie im Wiener Musikverein oder der Berliner Philharmonie.
Als Streichquartett möchten die Vier, die alle an der „Escola Superior de Música Catalunya“ in Barcelona unterrichten, keinen speziellen Klang entwickeln, sondern ihre Interpretation auf den jeweiligen Komponisten abstimmen und ganz individuelle Ansätze ausprägen. Darmsaiten können sie für das ältere Repertoire zwar nicht aufziehen, weil sie immer gemischte Programme spielen. Aber mit dem Wechsel auf der Position der ersten Violine und den speziellen Klassik-Bögen finden sie noch konsequenter als andere Ensembles eine stilistisch angemessene Lesart. Die Homogenität wird durch intensive Proben stets neu erarbeitet. „Wir sind schon sehr diszipliniert und proben eigentlich jeden Tag mehrere Stunden, wenn wir nicht gerade auf Konzertreise sind oder uns bewusst frei nehmen. Dabei wird die Probenzeit genau durch vier geteilt. Und jeder ist einmal verantwortlich. Es geht wirklich demokratisch zu bei uns.“  
Der Name Cuarteto Casals ist natürlich eine Hommage an den großen spanischen Cellisten Pablo Casals. „Er hat ja selbst auch im Streichquartett gespielt und kam aus der Nähe von Barcelona, wo wir alle leben. Auch seine musikalischen Ideale und seine Humanität mit dem Widerstand gegen die Franco-Diktatur sind für uns ein Vorbild.“ In Badenweiler gehört das Cuarteto Casals schon zu den Stammgästen. Zum großen Streichquartett-Treffen anlässlich des 80. Geburtstags von Walter Levin im Jahr 2004 war das Ensemble zum ersten Mal zu Gast. Die Musiker schätzen den persönlichen Kontakt hier. Beim Abschlusskonzert der Badenweiler Musiktage kombinieren sie am 15. November 2015 um 18 Uhr im Kurhaus Weberns langsamen Satz für Streichquartett mit Schostakowitschs 5. und Beethovens 12. Quartett op. 127 in Es-Dur. Nur die frühen Beethovenquartette spielt das Ensemble mit Klassikbögen. In Badenweiler sitzt deshalb Vera Martínez bei allen Stücken an der ersten Violine und wird das Ensemble in ganz unterschiedliche musikalische Welten führen.

Badenweiler Musiktage, 12.-15. November 2015, Infos unter www.badenweiler-musiktage.de



Münchner Philharmoniker


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