Piano Possibile

Musik ist kein Bild, das man sich ins Wohnzimmer hängt

Mit fragendem Blick in die Zukunft: Das Ensemble piano possibile Foto: R. Heiland

Musik aufzuführen, „die durch ihre Sinnlichkeit wirkt, die emotional empfunden werden kann, ohne sich einem Populismus zu beugen“, diesem Ziel hat sich das Ensemble für zeitgenössische Musik piano possibile verschrieben. Vor 20 Jahren wurde es von fünf Musikern und Komponisten in München gegründet und tritt seither in einer flexiblen Stärke von 10-25 Musikern auf. Einer der Gründungsmitglieder ist der Trompeter Philipp Kolb, der das Ensemble als Intendant leitet. Am kommenden Sonntag und Montag (13. Und 14. Oktober) feiert piano possibile mit Konzerten in der Münchner Muffathalle sein Gründungsjubiläum.
Interview von Robert Jungwirth

KlassikInfo: Ein privat finanziertes Ensemble für zeitgenössische Musik zu gründen, ist ungefähr das Riskanteste, was man im Kunstbereich veranstalten kann. Die Arbeit an zeitgenössischer Musik ist extrem aufwendig, der Ertrag eher unsicher – künstlerisch und finanziell. Warum haben Sie dennoch diesen Schritt gewagt?
Kolb: Es war die Lust am Experimentieren mit Neuer Musik, die im Vordergrund stand. Bei den Komponisten der Gründungsgruppe ging es darum, neue Instrumentierungsarten von neuer Musik kennenzulernen, bei den Instrumentalisten um neue Spieltechniken, sich in neue Herausforderungen hinein zu arbeiten. Es war eigentlich gar nicht das Ziel gewesen, ein konzertierendes Ensemble zu gründen. Zunächst war es nur eine eine abendliche Herrenrunde.

KlassikInfo: Und wie ist dann doch ein Ensemble daraus geworden?

Kolb: Wir haben im ersten Jahr ein paar kleinere Konzerte in München gespielt auch ein szenisches Konzert. Dann sind wir in Holland bei einem Festival aufgetreten und da kam dann der Wunsch, dass wir eigentlich gerne als festes Ensemble spielen wollen. Das war dann der Schwenk zum konzertierenden Ensemble und nicht nur zum rein experimentierenden.

KlassikInfo: Worin liegen aus der Erfahrung von nun 20 Jahren die größten Schwierigkeiten ein solchen Ensemble am Leben zu erhalten?
Kolb: Man findet relativ schnell begeisterungsfähig die Musiker auf hohem Niveau. Das war nicht das Problem. Was aber sehr schwierig war und ist, das ist eine Infrastruktur aufzubauen, die diesem musikalischen Niveau auch entspricht. Weil wir in der Regel nur Projektförderungen bekommen, können wir nicht in die Infrastruktur, also in ein Büro in eine Geschäftsführung und dergleichen investieren. Das heißt, das müssen die Musiker tragen, die das gar nicht gelernt haben, weil sie eben Klarinette oder Geige gelernt haben.

KlassikInfo: Also eine durchgängige Förderung für das Ensemble gibt es gar nicht?

Kolb: Genau. Wir haben keinen Cent Förderung für Infrastrukturmaßnahmen. Wir immer wieder versucht, etwas zu bekommen, aber ohne Erfolg.

KlassikInfo: Wie sieht es mit Auftrittsmöglichkeiten aus? Wer bucht piano possibile oder sind es vor allem Eigenveranstaltungen, die das Ensemble macht?
Kolb: Es gibt größtenteils eigene Veranstaltungen. Ansonsten gibt es Auftritte bei Festivals, wie jetzt gerade in Bozen oder im vergangenen Jahr in Hellerau.
KlassikInfo: Wer müsste für die angesprochene Infrastrukturförderung in die Bresche springen? Ist es die Stadt München, ist es das Kulturministerium des Landes Bayern, sind es private Einrichtungen, wie etwa die Siemens Stiftung? Wer könnte eine solche ständige Förderung leisten?

Kolb: Im Grunde sollte eine solche Förderung machen, wer sich gesellschaftlich verantwortlich fühlt. Das sind natürlich Stiftungen, der Freistaat, die Stadt, alle, die sich an die Brust heften, gesellschaftlich verantwortlich zu arbeiten.

KlassikInfo: Hat es die zeitgenössische Musik es da besonders schwer, Unterstützung zu bekommen?

Kolb: Es gibt bei der Musik ein paar Problematiken. Man verkauft Musik anders als etwa bildende Kunst, wo man sich ein Bild ins Wohnzimmer hängen kann, und das Werk direkt einen materiellen Wert hat. Eine Komposition hat keinen Wert, den man versteigern kann. Musik entsteht in dem Moment, in dem sie aufgeführt wird und ist verraucht, wenn der letzte Ton verklungen ist. Deshalb ist die Wertschöpfung und die Wert-Anerkennung viel viel schwieriger in der Musik.
KlassikInfo: Welche Kriterien bei der Auswahl der Stücke legen Sie an. Wie müssen Stücke beschaffen sein, damit sie für piano possibile interessant sind?

Kolb: Das Hauptkriterium ist der Klang, der Sound. Man hört oft Neue Musik, bei der man nach 10 Sekunden denkt, das habe ich doch schon mal so ähnlich gehört. Das ist dann nicht besonders interessant. Deshalb ist für uns der Klang so interessant ist, das ist für uns das Hauptkriterium.

KlassikInfo: Gehen Sie auf Komponisten zu fragen Sie nach Stücken oder kommen die auf sie zu?

Kolb: Wir haben im Lauf der Jahre zwischen 20 und 30 Auftragskompositionen vergeben. Am Montag spielen wir auch einen Auftrag von uns als Uraufführung. Sofern wir Geld haben, ist das ein sehr wichtiger Punkt für uns. Allerdings ist es oft so, dass Gelder der Projektförderung nicht für Auftragskompositionen verwendet werden dürfen.

KlassikInfo: Auf dem aktuellen Plakat zur 20-Jahr-Feier in der Münchner Muffathalle liest man: „20 Jahre – das war’s“ ohne Interpunktion, also kein Fragezeichen, aber auch kein Punkt. Wie geht es weiter? Geht es weiter?
Kolb: Wir hoffen, dass es weiter geht. Das Fest, das wir jetzt machen, ist natürlich eine Retrospektive unserer bisherigen Arbeit. Wir hatten auch eine Diskussionsveranstaltungen geplant, bei der Vertreter der Stadt München und des Freistaats eingeladen waren, die aber alle wegen Terminüberschneidungen nicht kommen können. Wir hatten gehofft, damit zu einer Meinungsbildung über die weitere Förderung beizutragen. Denn jeder sagt zwar, piano possibile soll weiter existieren, aber wie das konkret zu machen ist, dazu wird nichts gesagt.

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