Piano Festival Luzern

Suppenwürfel fürs Klavier

Das Luzerner Piano-Festival – vier Highlights
(Luzern, 24. November 2007). Was das Sommerloch für die einen, ist das Winterloch für die anderen. Für die Festivalstädte zum Beispiel. Salzburg, Luzern – in den Sommermonaten sind das hei§e Adressen. Im Winter erweckt der lokale Kulturbetrieb bestenfalls lokales Interesse. Erweckte, denn die Festivalsaison hat sich längst in die Kälteperiode hinein ausgedehnt. In Luzern zum Beispiel auf das Piano-Festival, das in diesem Jahr zum zehnten Mal stattfand.
Kein Festival ohne Stars. Brendel, Schiff, die Labeque-Schwestern oder der Tausendsassa Fazil Say gaben sich im KKL die Klinken in die kostbaren Hände. Der Zuhärer hatte die Qual der Wahl (oder eine ganze Woche lang Zeit). Wir entschieden uns für die Rezitals von Maurizio Pollini, von dessen Landsmann Marino Formenti, sowie zweier Newcomer: Saleem Abboud Ashkar und Siiri Schütz in der Konzertreihe „Debut“. Drei Tastenläwen und eine -Löwin, die unterschiedlicher kaum sein könnten.

Abboud Ashkar

Als „Debütanten“ lässt man am Lucerne Festival sommers wie winters gerne junge Talente auftreten – auch solche, die sich auf den Podien der Klassikwelt schon ziemlich zuhause fühlen müssten. Wie debütantisch ist ein Saleem Abboud Ashkar, der schon in der Carnegie-Hall, bei den BBC-Proms oder im Amsterdamer Concertgebouw gespielt hat? Mit Barenboim, Muti, Mehta. Wie dem auch sei: Ashkar überraschte am Mittwoch Mittag in der Luzerner Lukaskirche vor allem mit Arnold Schönbergs Drei Klavierstücken op. 11. Atonales, das selten so sehr nach Musik klingt wie in der gestaltklaren Interpretation des palästinensisch-israelischen Pianisten. Die motivische Arbeit des „Mäßig“ sprang, tanzte in frischer Lebendigkeit. Im „Sehr langsam“ fand Ashkar den Musikdramatiker Schönberg – dort, wo man es eigentlich nicht erwartet hätte. Auch mit Nikolaj Medtners Variationen op. 55 überzeugte Ashkar: Mit robuster Technik, teils jazzig-modernem, teils altmodisch rubato-lastigem Spiel – möglicherweise der Entstehungszeit der Variationen (1933) geschuldet: Liszt’sche Musik ist das, gut sechzig Jahre zu spät.

Die in Berlin geborene Siiri Schütz glänzte anderntags und gleichenorts mit vier Debussy-Préludes aus dem Premier Livre. Brillant und spielerisch die „Collines d’Anacapri“, erwartungsgemäß „duftend“ und eigenartig schwer „Les Sons et les parfums tournent dans l’air du soir“. Bach indeß (die Toccata e-Moll), ihre Beethoven-Fantasie op. 77 und die dritte Sonate von Frédéric Chopin litten an verschiedenen Mängeln: Konsequenz, Transparenz. Debütant ist – offensichtlich – nicht gleich Debütantin.

Mauricio Pollini Foto: DG

Am Mittwochabend fand dann einer der begehrten Pollini-Auftritte statt. Das Publikum applaudierte nicht, sondern brach in Jubel aus. Es ehrte den Pianisten mit zweimaliger stehender Ovation. Das war bei einem solchen Programm eigentlich nicht zu erwarten. Schwieriges nämlich hatte Pollini mitgebracht, die Kreisleriana sind eben nicht die Davidsbündler Tänze, sondern ein Schumann, der alles andere als leicht zu hären ist. Erstaunlich doch, dass die Interpretation eines Meisters, dem Schumann ja längst vertraut ist, nicht zu größter Klarheit im Härerhirn führte. Die Tonleitern des dritten Stücks waren irritierend hintergründig, die Harmonik des fünften wie ineinander verkrallt, die imitatorischen Teile des siebten Stücks rasten furios statt ordentlich fugiert vorüber.

Und doch „stand“ der Zyklus – felsenfest, ohne Diskussion. Vielleicht deswegen: Souverän ist Pollinis Umgang mit der Zeit und mit dem Rhythmus. Ein Blick in die Noten und man denkt zwar: da stimmt etwas nicht. Halbe Noten werden zu Vierteln, Sechsachtelrhythmen zu duolischen. Und doch stimmt alles. Das Ohr nimmt einen vollkommenen Musikablauf wahr, an dem nichts zu rütteln ist. Klassisches Ebenmass ist das und das Ebenmass eines reifen Individualisten. Eines Musikers auch, der vorgespurte Bahnen nicht noch weiter ausweitet. Rubato, Fermaten, Tempowechsel macht Pollini nicht dort, wo andere Pianisten seit Jahrzehnten die ewig gleichen Bremsbewegungen vollführen, die uralten „Überraschungseffekte“ verkaufen wollen. Das zeigte sich deutlich im zweiten Teil des Programms. Etwa in den vier Mazurken op. 33 von Chopin oder den beiden enharmonisch verwandten und attacca aneinander gespielten Nocturnes op. 27 in cis-Moll und Des-Dur. Selten hat man Tag und Nacht, Dur und Moll eindrücklicher hintereinander gehärt. Doch auch hier: kein Schmankerl-Chopin, sondern einer, der viel Konzentration erforderte. Belohnt wurde solche Zuhäreranstrengung mit unerreichter Subtilität und Eleganz fürs Ohr.
Als Abschluss des regulären Programms gab’s dann die Grande Polonaise brillante op. 53. – eigentlich bereits die erste Zugabe. Es folgten das Prélude op. 28 Nr. 15 („Regentropfen“), die Étude op. 10 Nr. 12 („Revolutionsetüde“) und die berühmte g-Moll-Ballade op. 23. Leichteres, Verständlicheres – Musik, die den Ruch des Populären hat. Und unter den Fingern Pollinis doch unendlich spannend bleibt.

Marino Formenti

Trat Pollini mit einem, bei allem Respekt, typischen Pianisten-Programm auf, so spielte sich sein 23 Jahre jüngerer Kollege Marino Formenti am Samstag durch eine Matinee, die mit Guillaume de Machaut begann und in der musikalischen Gegenwart, hauptsächlich derjenigen György Kurtags endete. Musik war dabei, die gar nicht für den Flügel geschrieben worden sein kann. Wozu solche Freiheiten? Gibt es nicht genügend Literatur für Klavier? Nein, wenn man, wie Formenti, ein Programm zusammenstellen will, das Rück-, Vor-, und Querbezüge aufweisen soll. Und davon wimmelte es.

Die Grundidee lag wohl in den vielen „Hommages“ von György Kurtag: Stockhausen, Messiaen, Mussorgsky oder Denisov, Janacek und Schubert – sie und viele, auch Nicht-Komponisten, wurden von Kurtag zu musikalischen Widmungsträgern gemacht. Formenti hat nur die Hommage-Idee weitergesponnen und die Geehrten selbst auftreten lassen: als „Kurtag’s Ghosts“ (so der Titel seines Programms). Kurtag nannte seine oft nur wenige Takte langen Kompositionen einmal „Suppenwürfel“. Konzentrate, die – bei den Hommage-Kompositionen – die kompositorische Essenz des Geehrten in ein Paar Sekunden zum Ausdruck bringen. Damit lässt sich trefflich spielen, damit lässt sich viel sagen.
Die staunende, fragende Einfachheit einer Machaut-Chansons prallte auf die zerstärerischen Fortissimi von Stockhausens Klavierstück II. Beides wurde wie von einem versähnlichen Geist vereint durch Olivier Messiaen und seiner „Ile de Feu 1“ Oder: Einem keck eilenden Bach-Präludium folgte Kurtags „Versetto: Consurrexit Cain adversus fratrem suum …“. Darauf Haydns „Erdbeben“ aus den „Sieben Letzten Worten Christi“ und noch mal Kurtag mit „Sintflut – Sirenen (Warten auf Noah)“. Und schon ist eine zwingende musikalische Argumentation zusammengestellt. Eine Werkefolge, die anzuhären unglaublich packend ist.

Es zeigte sich, dass Ausdruckswerte über Jahrhunderte erhalten bleiben, dass die Neue Musik mit denselben Mitteln arbeitet wie die alte, dass Komponisten immer auch ein bisschen voneinander abschreiben (ob bewusst oder unbewusst) und: dass Nachdenken über Musik nicht unbedingt in einem Buch seinen Niederschlag finden muss, sondern auch kompositorisch geschehen kann wie im Falle Kurtags.
Und auch der Interpret ist Nacherzählender, Nach-Denkender in einem solchen Programm. Und somit besonders herausgefordert. Und er vermag – jedenfalls, wenn er Marino Formenti heißt – ein Publikum zu fesseln. Bis zur letzten Note.

Benjamin Herzog

Das Konzert mit Mario Formenti wurde von Schweizer Radio DRS II aufgenommen und wird am Dienstag, 18. Dezember 2007 um 22.35 Uhr gesendet.

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