Petrenko mit den Berlinern zu Gast in Salzburg

Warten auf den Normalbetrieb

Kirill Petrenko setzt einen fulminanten, wenn auch etwas kühlen Beginn bei den Berliner Philharmonikern mit zwei Gastspielen in Salzburg

Von Derek Weber

(Salzburg, 25. und 26. August 2019) Seit Karajan kommen die Berliner zu zwei Gastkonzerten am Ende der Festspiele nach Salzburg. Mit diesen zwei Gastkonzerten hat sich Kirill Petrenko nun nach dem Einstand in Berlin auch sozusagen transnational als amtierender Chefdirigent des Orchesters präsentiert. Umso größer war der Erwartungsdruck, der auf ihm lastete.

Auf dem Programm: Beethovens Neunte (gepaart mit Alban Bergs „Lulu-Suite“). Die Beethoven-Symphonie hatte Petrenko zum Einstand schon am 23. und 24. August in Berlin dirigiert. Umjubelt klarerweise. Denn wer will sich schon zu so einem hehren Anlass – das zweite Konzert war dem „Jubiläum“ des Mauerfalls gewidmet – mit Kritik hervortun.
Und doch: Ins anlassbezogene Nachdenken mochte man dabei schon geraten. Perfekt und ein wenig kühl war das, durfte man sich denken. Dazu bot der zweite Abend im Salzburger Festspielhaus vielleicht mehr Anlass als Beethovens letzte Symphonie, die alles aufbietet, was die Wiener Klassik zu bieten hatte: Eine Chor-Symphonie, die den Rahmen sprengt, den das 18. Jahrhundert gesetzt hatte.

Mit der ihm eigenen Akkuratesse stürzte sich Petrenko in das Abenteuer, das heute natürlich kein Abenteuer mehr ist, sondern festliche Veranstaltung die zu frenetischen Reaktionen neigende Euphorie des Publikums provozierend. Und Petrenko jagt die Musiker – die gebotenen Ruhe-Pausen einlegend – geradezu ins Furioso, dem sie gerade noch folgen können.

Da wird wohl viel geprobt und perfektioniert worden sein, auch in den Sätzen und Satzteilen vor den Freuden und Götterfunken, bis alle Töne und Einsätze von Flöte, Oboe und Horn an der richtigen Stelle saßen.
Gibt es so etwas wie „Überprobieren“? Dieselbe Frage stellte sich auch am zweiten Abend bei Tschaikowskys Fünfter Symphonie. Kirill Petrenko ist ein Perfektionist. Das wissen wir alle. Da gab es keinen falschen Mucks, keine verrutschte Note, nichts, was nicht gestimmt hätte. Viele Details waren fein herausgearbeitet.

Aber was war genau zu hören? Da gibt es ja doch auch historische Referenzaufnahmen. Warum hat man dieses etwas penetrante Gefühl der Perfektion nicht bei den alten Aufnahmen mit Jewgeny Mrawinsky und der Leningrader Philharmonie? An der weniger perfekten Aufnahmetechnik allein kann´s nicht liegen. Mrawinsky war bekannt für sein exzessives Proben, ebenso, wie die Berliner Philharmoniker für ihren perfekten Karajan-Sound.
Werden also die „Berliner“ nach Claudio Abbado und Simon Rattle unter Kirill Petrenko wieder näher an ihren alten Klang heranrücken? Experimente mit dem „historischen“ Klang sind kaum zu erwarten.

Ist es vielleicht vernünftiger, anzunehmen, dass das andere Programmatische, das in Salzburg zu hören war – die Zweite Wiener Schule, Alban Berg und Arnold Schönberg -, auch in Zukunft einen prominenten Platz einnehmen wird? Und dass das Perfekte, das bei den zwei Salzburger Konzerten anklang, vor allem das Ergebnis eines besonders intensiven Vorbereitungsprozesses war? Eines „Überprobierens“ vielleicht, das den Eindruck einer gewissen „Sterilität“ erzeugt?

Was – davon abgesehen – auf jeden Fall auffiel, waren die eher straffen Tempi, die Petrenko bevorzugt, sowohl bei Beethoven wie bei Tschaikowsky, und die man auch als Signatur eines geschäftigen Zeitalters lesen kann. Bei Beethoven sind die Tempi ja durch seine eigenen Angaben (an die sich kaum jemand hält) verbürgt. Das bürgerliche Zeitalter hatte es eilig, voranzukommen. Bei Tschaikowsky können wir uns an Mrawinsky halten, der diese Musik von ihrem falschen Schmalz gereinigt hat.

Was insgesamt bei den beiden Salzburger Konzerten mit auffiel, war die prominente Rolle, die Petrenko dem Schlagzeug zuwies, aber natürlich auch die kleinen und feinen Farbtupfer, die er in Bergs „Lulu-Suite“ hören ließ. Schönbergs schon in Amerika entstandenes Violinkonzert stand hingegen ganz im Zeichen der sperrigen Emotionalität des Komponisten, die Patricia Kopatchinskaja mit beredter Virtuosität umzusetzen wusste.
Dass das Publikum auch der schwierigen neueren Musik mit einer gewissen Begeisterung zu folgen bereit war, ist ein gutes Zeichen und verweist auf die große und wichtige Vorarbeit, die Abbado und Rattle auf diesem Gebiet geleistet haben.

Bewahren wir also Ruhe, warten wir den „Normalbetrieb“. Urteile lassen sich nur auf lange Frist fällen. Das stets jubelfreudige, frenetische Premierenpublikum – das wissen wir aus der Geschichte – liefert nur einen ungenauen Gradmesser für das Beurteilen von neuen Tendenzen und Entwicklungen.

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