Peter Grimes Wien

Opernkritik: Peter Grimes

Verführung

Joseph Kaiser und Gieorgij Puchalski Foto: Monika Rittershaus

Christof Loy inszeniert einen intensiven „Peter Grimes“ im Theater an der Wien mit einem großartigen Joseph Kaiser in der Titelpartie

Von Klaus Kalchschmid
(Wien, 12. Dezember 2015) Peter Grimes, seine Jungs und eine verschworene, misstrauische und übelgesinnte Dorfgemeinschaft am Meer, in der es nicht nur den einen, offensichtlichen Außenseiter gibt: davon handelt Benjamin Brittens erste Oper, uraufgeführt 1945 – und zugleich seine populärste und meistgespielte. Christof Loy erzählt in seiner Inszenierung am Theater an der Wien deutlicher als Britten und sein Textdichter Montagu Slater die Geschichte eines Homosexuellen, der keinen Knaben, sondern einen schon erwachsenen, mindestens 18-jährigen Lehrling namens John beschäftigt. Ihn beschützt er, ihn liebt er, aber – jähzornig und aggressiv wie er geworden ist – drangsaliert er ihn auch, behandelt ihn grob, nutzt ihn aus und setzt ihn schließlich fahrlässig einem Unfalltod aus; nicht zuletzt weil er sich seine Liebe zu Männern nicht eingestehen will und John mit einem anderen Mann überrascht.
Die erschütterndste Szene des Abends zeigt Grimes während des letzten – und schmerzlich schönsten – der vier Sea-Interludes, wie er auf die Bühne wankt, den toten Jungen schulternd. Er zieht ihm den Pullover aus und plötzlich erwacht John zum Leben und kommt ihm in einer ekstatischen Szene immer näher, bevor er schließlich wieder leblos zu Boden sinkt. Vorangegangen war eine ebenfalls stumme Szene, in der Grimes‘ Freund Balstrode, hier deutlich jünger und temperamentvoller als üblich, von John zu einer immer wieder abgewehrten und schließlich leidenschaftlich intensiven (nicht nur) Kuss-Szene verführt wird, grandios gespielt vom jungen Tänzer Gieorgij Puchalski, der als gut gebauter, verdammt hübscher Stricher mit langen braunen Haaren durchgehen könnte, und Andrew Foster-Williams als Balstrode, der auch intensiv singend einen durchaus zwiespältigen Mann verkörpert. Grimes sieht dies – wie überhaupt auch die Dorfgemeinschaft hier alles beobachtet – und erlebt den vermeintlichen Freund plötzlich als Rivalen.
Christof Loy vermag auf fast leerer Bühne, dessen ansteigender Boden einen fließenden Übergang von Wolken ins Meer bildet (Bühne: Johannes Leiacker) das Geschehen ganz auf die Hauptfiguren zu konzentrieren – die Lehrerin Ellen Orford eingeschlossen. Mit langen Haaren, die sie immer wieder hinter die Ohren streicht (wie John!), und im (Männer-)Hosenanzug wird sie zu einer Frau, die ebenfalls außerhalb der Dorfgemeinschaft steht. Agneta Eichenholz singt und spielt das betörend anrührend. Ein fast in den Orchestergraben gekipptes Bett ist lange Zeit als einziges Möbel der Rückzugsort von Grimes. Hier sucht auch Balstrode seine Nähe, hier verkriecht sich der Junge oder wartet lasziv. Am Ende wird auf dunkler Bühne Balstrode ebenso ins Gesicht geleuchtet wie zu Beginn Grimes, bevor dem der Prozess gemacht wird. Die Hexenjagd geht weiter.
Joseph Kaiser als Peter Grimes singt und spielt überragend einen Mann, der mit sich selbst in seinem großen Körper so uneins ist, dass ihm immer wieder der Kopf zu platzen scheint; dass er permanent rennen, sich an die Schläfen pochen, aber auch andere schlagen muss, wenn er sich unverstanden, bedroht oder zu Unrecht angeklagt fühlt. Weil Kaiser aber einen so schönen, reich timbrierten lyrischen Tenor besitzt, ergibt das einen gewaltigen Kontrast, der den Mutterinstinkt Ellens ebenso auslöst wie Balstrodes widerstrebende Gefühle, und der nicht zuletzt den Jungen in jeder Hinsicht herausfordert. 
Hervorragend besetzt sind auch die kleineren Partien: Hanna Schwarz als unberührbar durch den Abend im roten Puffmutter-Kleid stöckelnde Auntie (mit Kiandra Howarth und Frederikke Kampmann als ihren Nichten), Rosalind Plowright als köstlich durchgeknallte Spät-68erin mit nicht zu befriedigendem Drang zu illegalen Rauschmitteln, die ihr der Apotheker (enorm präsent: der junge Tobias Greenhaigh) verschafft, Stefan Cerny als Swallow, Lukas Jakobski als etwas tumber, hochgewachsener Fuhrmann Hobson, Erik Ǻrman als Reverend und
last but not least Andreas Conrad als bigotter Methodist Bob Boles in der Karikatur eines Pumuckl-Kostüms (Judith Weihrauch), aber mit intensiv leuchtendem Charaktertenor. Der Arnold Schoenberg Chor singt ebenso prägnant wie faszinierend und verkörpert unberechenbar die Naturgewalt eines bedrohlichen Kollektivs, das sich immer wieder anders auf der Bühne formiert oder zersplittert. 
Ganz nah seitlich zu sitzen, erlaubt zwar eigentlich nicht, die Leistung des ORF Radio-Symphonieorchesters Wien unter Cornelius Meister zu würdigen. Dafür erlebt man die kammermusikalische Durchsichtigkeit der Holzbläser hautnah, aber auch die (Ausdrucks-)kraft und Schönheit der Orchesterzwischenspiele teilt sich mit wie Zärtlichkeit, Farbigkeit und Furor, die so oft in dieser Oper wechseln.

Weitere Aufführungen bis 22. Dezember 2015